Wie wir die Auswirkungen von zukünftigen Ereignissen überschätzen

Vier Monate noch. Ich bin erstaunlich früh dran. Nur noch die letzten Programmierarbeiten abschließen. Im Anschluss kann ich sofort mit meiner Bachelorarbeit beginnen. In drei Monaten sollte das locker zu schaffen sein.

Jeden Tag eine Seite, dann bin ich in zwei Monaten locker durch. Dann den ganzen Wisch nur noch abgeben, die Arbeit vor den Professoren verteidigen und simsalabim – ich habe meine Bachelorarbeit in der Tasche, meine Eltern bedrängen mich nicht mehr mit der Frage, wann ich denn endlich mit dem Studium fertig sein werde, und das Leben sieht rosig aus.

Wir werden nicht plötzlich glücklich, wenn wir etwas erreichen

Zehn Monate später. Gut, ich gebe zu, der Prozess hat wesentlich mehr Anspruch in Anspruch genommen, als ich mir das gerne eingestehe. Nichtsdestotrotz bin ich nun endlich da, wo ich hinwollte. Meine Professoren nicken mir zu. Soeben habe ich meine Bachelorarbeit verteidigt. In mir macht sich die Gewissheit breit, dass ich durch bin. Das, worauf ich in den letzten Jahren hingearbeitet habe, ist nun endlich Realität geworden.

So stehe ich im Flur meiner Universität. Das innere Gefühl ist nicht wirklich definierbar. Angenommen hatte ich, dass ich vor Freude Glückssprünge machen würde. Das Gefühl ist nicht schlecht, es ist nur nicht annähernd so überwältigend, wie ich es mir ausgemalt hatte. Es ist nur da. Der Tag fühlt sich so normal an. Ein Stein fällt von meinem Herzen, aber noch im gleichen Moment wird mir bewusst, dass da noch mehr Steine auf dem Herzen liegen, die ich in der letzten Zeit erfolgreich ausgeblendet hatte.

Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit – Aldous Huxley

Ich atme tief durch. Das war es. Dieses Ereignis hier – das, was ich hier gerade geschafft habe – das macht mich nicht schlagartig glücklich. Genau genommen ändert es nahezu nichts an meinem Wohlbefinden. Einen Moment lang zieht mich diese Einsicht herunter. Warum nur? Warum ist dieses Gefühl nicht mal annähernd so erlösend, so freudestiftend, wie ich es mir vorgestellt hatte?

Dieses Erlebnis fand vor zwei Jahren statt. Heute bin ich schlauer, aber dümmer. Ich bin in eine kleine Falle getreten, in die schon viele Menschen vor mir getreten sind und die auch noch viele Menschen nach mir treten werden. Ich bin dem Impact Bias erlegen.

Wenn du jetzt nicht glücklich bist, dann wird dir auch kein Ereignis in der Zukunft plötzliches Glück bringen

Der Mensch ist ein lustiges Wesen. Wir sind im Grunde genommen alle ein bisschen bekloppt. Uns fehlt die Fähigkeit, unsere eigene emotionale Befindlichkeit in der Zukunft voraussagen zu können. Wir denken, bestimmte Ereignisse oder Errungenschaften wären nur von Nöten, um uns auf eine neue Ebene der Zufriedenheit zu bringen. Nur noch die nächste Beförderung, nur noch den nächsten Titel, die nächste Medaille, nur meine Traumfrau finden – und dann wird alles gut!

Leider verläuft es aber nie so, wie wir es uns in der Vorstellung wünschen. Tatsächlich können uns solche Dinge kurzweilig glücklicher machen, nur weicht dieses Gefühl sehr schnell dem Verlangen, der nächsten Errungenschaft in der Zukunft nachzueifern. Wenn ich jetzt nicht glücklich bin, dann werde ich auch nicht zu einem glücklichen Menschen, wenn ich meine Traumfrau kennenlerne. Das ist noch nie passiert. Es wird auch nie passieren.

Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug. – Albert Einstein

Im Lotto zu gewinnen macht niemanden, der vorher unglücklich war, zu einem dauerhaft glücklichen Menschen. Mit der Zeit pendeln wir uns immer wieder auf unser „Grundlevel“ ein. Dieses Grundlevel ist es, was wir nach oben treiben sollten. Nicht umsonst wird gesagt, dass der Weg das Ziel ist. Mehr als diesen Moment haben wir nie zur Verfügung, und dieser Moment ist auch immer das einzige, was nötig ist, um sich selbst glücklich zu machen. Kein Ereignis in der Zukunft kann uns das geben, was wir uns selbst in diesem Moment geben können.

Das Gute ist, dass wir selbst nach einem traumatischen Erlebnis nach einer gewissen Zeit der Trauer wieder schnell zu unserem Grundlevel zurückfinden. Wir mögen denken, dass wir nie mehr glücklich sein könnten, wenn wir blind wären oder ein Bein verlieren würden. Es gibt da draußen genug Beispiele, die uns aufgezeigt haben, dass diese traumatischen Erlebnisse mit genügend Zeit überwunden werden können und die Menschen danach genauso glücklich werden können wie vorher.

Wenn wir an zukünftige Ereignisse denken, dann fokussieren wir uns allzu gerne auf diese eine Sache, die anders sein wird. Dabei übersehen wir, dass 99,99 % unseres Lebens genau so bleibt wie es jetzt schon ist. Die 99,9 % sind das, worauf wir unseren Fokus legen sollten. In diesem Sinne gefällt mir das Zitat von Albert Einstein besonders gut: „Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug.“

Written by Waldemar