Komm und erzähl mir was aus deinem Leben

Auf Patrizia stand ich schon länger. Ich meine – wir haben noch nie miteinander geredet – aber mir war klar, dass wir füreinander bestimmt sind. Ihre Art, wie sie geht, wie sie steht, wie sie atmet, einfach alles. Das passt super zu mir. Gestern haben wir dann das erste Mal miteinander geredet. Da hat sie mir zugezwinkert. Das ist nicht normal!

Unwillkürlich fange ich und das Publikum an zu schnaufen. Die Vorstellung eines 16-Jährigen bei seinen ersten unbeholfenen Schritten in Richtung des anderen Geschlechts erscheint lebhaft vor meinem geistigen Auge. Der Sprecher fängt beim Vorlesen aus seinem Tagebuch immer mal wieder an zu lispeln, dabei verspricht er sich hier und da, was das Vorgelesene umso authentischer wirken lässt.

 Wir lachen, weil wir am Ende doch alle wissen, wie ähnlich wir einander sind

Ich bin erstaunlich amüsiert. Ein paar Poetry Slams habe ich schon miterlebt, allerdings hatte ich nie zuvor das Vergnügen, einem Diary Slam beizuwohnen. Eine lustige Idee. Leute melden sich an und tragen aus ihren Tagebüchern vor, während das Publikum gebannt den Geschichten der Vortragenden lauscht. Dabei sind den Zeiträumen der Tagebucheinträge keine Grenzen gesetzt. Der eine liest Einträge seiner Sturm-und-Drang-Phase in den Teenagertagen vor, während der andere eher Einträge wählt, die noch nicht den Staub der Tage auf sich liegen haben.

Immer wieder erwischst du dich dabei, wie du dich in den Vortragenden hineinversetzen kannst. Da erzählt die gestandene Dreißigjährige, wie sie sich im Teenageralter in den Stufenschwarm verliebte, aber nie auch nur ein gescheites Wort rausbekam, wenn es zu einem Gespräch mit ihm kam. Natürlich wusste sie trotzdem, dass sie ihn liebte, weil … naja, man weiß es halt!

Es ist erstaunlich, wie sehr man ein solches Buch als Freund empfindet - wie man ihm alles sagen und klagen kann, wie man über seine Blätter die Tränen weinen kann, die man den anderen, besonders einem geliebten Kranken, verbergen muss. – Bertha von Suttner

In dem einem Moment noch vor Lachen eine Träne rausdrückend, stockt dir plötzlich der Atem. Ein Seelenstriptease geschieht vor dir. Im Lachen vereint, aber auch in der Trauer, wenn dir jemand von einem Moment erzählt, der ihn in seinem Leben erschütterte. Eine Erkenntnis, dass wir alle manchmal Scherben erzeugen oder über die Scherben anderer laufen müssen. Jeder. Der eine jetzt, der andere gestern, der nächste morgen.

Oft denke ich, dass es Dinge gibt, die anderen Menschen einfach vorenthalten werden sollten. „Warum das eigene Leid klagen, interessiert es denn irgendwen?“ denke ich mir in solchen Momenten. Als ich dann dort saß und diesen Tagebucheinträgen lauschte, wurde mir klar: Ja, verdammt. Genau das ist es, was uns zusammenbringt. Wir alle haben Erlebnisse, die uns prägen. Im normalen Alltag die heile Welt vorgaukelnd und ein gefestigtes Äußeres mimend, erkennen wir aber genau dann, wenn jemand mal sein Innerstes offenbart, dass wir eben doch alle nur Menschen sind.

Jeder hat Zweifel. Jeder hat seine ihm eigene Beklopptheit im Kopf. Und wir lachen, weil wir uns selbst ertappt fühlen. Und wir beißen uns auf die Zunge, weil wir selbst schon so fühlten. Ach, zum Teufel mit den Fassaden. Wer hat schon Lust, den Starken zu spielen, du vielleicht?

Written by Waldemar