Wenn die Unwissenheit der anderen dir wehtut

Beiß dir auf die Zunge. Sprich es aus. NEIN! Beiß dir auf die Zunge. Aber er hat doch keine Ahnung, wovon er redet!! Beiß dir auf die Zunge. Ich will ihn aber wissen lassen, dass er Unsinn redet!!! Atme durch und beiß dir auf die Zunge, niemand mag Klugscheißer.

Okay. Dieses eine Mal lasse ich ihn davon kommen. Ich stimme ihm einfach mal zu. Ja, Kreatin ist selbstverständlich genauso schädlich wie Anabolika. Du hast absolut Recht. Auch glaube ich dir deine Geschichte von dem Freund, der Schrumpfhoden bekommen hat, nachdem er ein halbes Jahr lang Kreatin genommen hat. Ja, dieses ungeheuerliche Kreatin. Es sollte verboten werden. Ja, dir auch einen schönen Tag. Hoffentlich sehe ich dich nie wieder.

Es tut so weh, den anderen nicht wissen lassen zu können, dass er im Unrecht ist

…und manchmal ist es doch genau das, was für uns am sinnvollsten ist. Eine Stunde nach diesem Erlebnis sitze ich in der Bahn. Noch immer frage ich mich, ob ich ihn hätte aufklären sollen. Noch immer frage ich mich, ob ich ihm hätte vor Augen führen sollen, was für einen Müll er redet. Noch immer frage ich mich, warum mich dieses Erlebnis immer noch beschäftigt. Und immer wieder hüpft Schopenhauers Zitat durch meinen Kopf.

Wertlos ist, was du weißt, wenn nicht auch andere wissen, daß du es weißt.– Arthur Schopenhauer

Warum, warum, warum? Warum kann ich den Unsinn, den andere Menschen reden, so schwer im Raum stehen lassen? Warum tut es so weh, mich selbst dazu zu zwingen, ihn einfach reden zu lassen, weil Aufklärung bei manchen Menschen zwecklos ist. Warum bereitet mir die Ignoranz anderer Menschen psychischen Schmerz?

Schweigen und lächeln

Hach. Es ist schwer vorstellbar, wie einige Menschen bis zum heutigen Tag überleben konnten. Wie vielen Menschen sie wohl schon mit ihren merkwürdigen Überzeugungen den letzten Nerv geraubt haben. Wie viele Legenden von Freundesfreunden ich mir schon anhörte, die dies und jenes taten und danach waren sie stinkreich/überkrasse Schränke/beliebige heftige andere Errungenschaft. Wie oft habe ich mir schon Unsinn angehört, bei dem ich dachte: „Mein Freund…wenn du auch nur eine Minute recherchieren würdest, würdest du dich schämen in Anbetracht des Unsinns, den du mir gerade zu vermitteln versuchst.“

So leichtgläubig. Alles, was wir irgendwo aufschnappen, direkt weiterreichen – ohne es selbst zu überprüfen. Und den anderen dabei noch schief anschauen, wenn er uns aufzeigt, dass wir im Unrecht sind. Dabei auf unserer Meinung beharren. Denn, denn…ja…was wir sagen, kann nicht falsch sein. Je mehr ich weiß, desto schwieriger wird es, anderen Menschen zuzuhören, wenn ich weiß, dass nur heiße Luft ihren Mund verlässt. Manchmal verstumme ich, sitze dann einfach nur da und lächle. Lächle, weil es das einzige ist, was ich bei soviel mit Unwissenheit gepaarter Ignoranz noch tun kann.

Und das Schlimmste an alledem: Wahrscheinlich lächeln mich oft genug auch Menschen an und schweigen einfach, weil sie wissen, dass ich Unsinn rede – während ich denke, dass ich der Schlaue am Tisch bin. Tja. Welch ein Dilemma.

 

Written by Waldemar