Der Gang der Gestressten – Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Stop. Warte mal kurz. Ich bin gerade im Urlaub, man. Warum zum Henker hetze ich mich so? Unvermittelt bleibe ich auf einer Brücke stehen. Unter mir höre ich das Plätschern des Flusses. Ich blicke mich um. Ein vor Freude hechelnder Golden Retriever läuft kurz zu mir, um mich zu beschnuppern, ehe er weiterzieht. Die Umgebung ist so schön, dass ich mich fast schon schäme, dass ich sie nicht mehr genieße. Warum zum Henker hetze ich mich so?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wiederholst du etwas oft genug in einer bestimmten Art und Weise, kannst du davon ausgehen, dass sich deine Vorgehensweise früher oder später in deinem Verhalten „einbrennen“ wird. Ehe man sich versieht, hat man sich eine Gewohnheit angeeignet, die man bei anderen Menschen immer müde belächelt hat.

 Von einem Termin zum nächsten

Eins steht fest. Heute haben wir wesentlich mehr Freizeit zur Verfügung als die Menschen vor 100-200  Jahren. Das Leben der Menschen bestand früher zu einem überdimensional großen Teil aus Arbeit, sodass ihnen wenig Freizeit blieb. Zum Glück hat sich das im Laufe der Jahre zum Positiven verändert. Nichtsdestotrotz schaffen viele von uns es, sich selbst unter Zeitdruck zu setzen. Dafür brauchst du dich nur einmal ein paar Minuten lang in einer Großstadt irgendwo an einer Bahn hinzustellen. Warte ein bisschen und schau dir an was passiert. Zähl mal die Leute, die an dir vorbeifliegen, um dann im letzten Moment in die Bahn zu springen.

Die modernen Menschen werden nicht mit der Peitsche, sondern mit Terminen geschlagen. – Telly Savalas

Ein Teil davon wird auf dem Weg zu einem Termin sein. Das gilt aber nicht für jeden davon. Viele hetzen sich auch einfach zu Tode, um fünf Minuten früher zuhause sein zu können. Wo bleibt da der Mehrwert? Vor zwei Wochen habe ich gesehen, wie jemand im letzten Moment versucht hat, in die überfüllte Bahn zu springen. Hat nicht funktioniert. Die Türen schlossen sich, sein Ärmel blieb in der Tür hängen. Im letzten Moment hat er geschafft, seine Jacke auszuziehen, die dann in der Tür hängengeblieben ist. Hätte er es nicht geschafft, dann wäre er von der Bahn mitgezogen worden.

Ob es ihm das wohl wert war?

Wozu die Eile, wenn es nicht sein muss?

In meinem Urlaub ist mir das mal so richtig bewusst geworden, wie oft ich eigentlich in Eile bin, wobei ich verglichen mit den meisten anderen schon recht gemütlich durch die Welt gehe. Deswegen ermahne ich mich jetzt so oft es geht daran, mal einen Gang runterzuschalten, wenn mir mal wieder auffällt, dass ich unnötigerweise schnell unterwegs bin. Ein oder zwei Minuten früher irgendwo anzukommen, bringt mich ja auch nicht weiter. Im Gegenteil – es bringt nur unnötig Stress in mein Leben.

Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei. – George Orwell

Wir laufen geradezu besorgniserregend schnell umher. Da fällt es verdammt schwer, die Dinge um uns herum noch wirklich wahrzunehmen. Dass wir permanent die Smartphones in unseren Händen halten, macht die Sache nicht gerade besser. Einfach mal durchatmen. Wenn es sein muss, die Termine nicht mehr ganz so eng planen. Fünf Minuten früher losgehen, als wir das sonst tun würden. Die Sache ganz entspannt angehen. Und plötzlich fällt ein großer Teil des Stresses ab, weil wir mal vernünftig zur Ruhe kommen können.

Wer sich schon morgens zur Arbeit hetzt, der zieht das für gewöhnlich auch den Rest des Tages so durch. Den Tag gemütlich zu starten, ist da schon die angenehmere Variante. Wenn du dich das nächste Mal beeilst, um so schnell wie möglich irgendwohin zu kommen, kannst du dir ja selbst die Frage stellen: „Ist es mir das wert?“ Wenn die Antwort nein ist. kannst du einen Gang zurückschalten. Oder du ignorierst es und stresst dich weiterhin. Am Ende fällt jeder diese Entscheidung für sich selbst.

Written by Waldemar