Unangenehm nahe – genau da, wo wir sein müssen

Ich liebe dich. Wie ein Kloß im Hals. Ich. Wird damit die Beziehung auf die nächsthöhere Ebene gestellt? Warum ist es so schwer, etwas zu sagen, was dir schon bewusst ist? Was ändert sich schon dadurch? Liebe. Diese drei Worte haben etwas an sich, dass sich wie eine Mauer vor uns darstellen kann, die erst durchbrochen werden muss. Drei Worte, mehr nicht. Nur du und die Angst, sie auszusprechen – so, dass sie von einer anderen Person gehört werden können. Dich.

Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige Person bin, die einen Heidenrespekt vor diesen drei Worten hat. Sie sind geradezu angsteinflößend. Dabei ist es nicht die Angst davor, vor Scham im Boden zu versinken. Vielmehr ist die Angst darauf begründet, dass wir nicht wissen, wie unser Gegenüber reagieren wird – wird er die Worte erwidern?

Die Macht des Vertrauens

Realistisch betrachtet können uns drei Worte nicht umbringen. Sie sind völlig harmlos. Dafür können sie die Beziehung zu einer Person grundlegend verändern. Wer „ich liebe dich“ sagt, gibt einen Vertrauensvorschuss. Du legst dein Herz in deine Hand und reichst sie dem Anderen. Was wird er damit tun? Diese kurzen Momente zwischen Geben und Empfangen der Reaktion können sich wie Jahrtausende anfühlen. Der nächste Moment entscheidet darüber, ob sich unsere Beziehung auf die nächsthöhere Ebene begeben wird oder erschüttert wird – beispielsweise dann, wenn die Reaktion nicht der erwarteten Reaktion entspricht.

Da draußen gibt es nicht wenige Flirtratgeber, die Männern den Tipp geben, niemals zu erst die drei Worte auszusprechen. Gefühle seien schließlich Frauensache. Die Frau sei derjenige Part, der versucht, den Mann an sich zu binden, und sie ist auch diejenige, die zuerst „ich liebe dich“ sagen sollte. Gefühle als Mann? Wo sollen wir das denn gelernt haben? Etwa in dem Moment, wo wir als Kind gestürzt sind und von unserem Vater zu hören bekamen „Du bist doch kein Mädchen. Indianer kennen keinen Schmerz!“?

Unangenehm nahe ist genau da, wo wir sein müssen, wenn wir die Kultur des Mangels und elementaren Misstrauens verändern wollen. Distanz lügt. Sie verzerrt unsere Selbstwahrnehmung und unser Verständnis von anderen. - Amanda Palmer

Ich möchte nicht erst dann „ich liebe dich“ sagen dürfen, wenn es jemand anderes zuerst gesagt hat. Wenn ich es fühle, sollte es auch meine Lippen verlassen dürfen. Tritt dann nicht die gewünschte Reaktion ein, liegt es an mir, damit umzugehen. Ob ich die Worte zu früh ausgesprochen habe, werde ich dann schon merken. Wenn die Person schreiend wegläuft, sind wir vermutlich sowieso nicht füreinander gemacht. Erwidert sie es, ist es schön. Ist es ihr zu früh, dann hat sie eben einen Vertrauensvorschuss von mir. Es gibt Schlimmeres, als einer geliebten Person so etwas zuzugestehen.

Vielleicht ist es auch einfach so, dass wir diesen drei Worten eine zu große Bedeutung beimessen. Als hätten sie eine magische Wirkung. Es sind drei Worte. Was sie aussagen, haben wir schon lange vorher mit unserem Verhalten gezeigt. Im Prinzip sorgen wir nur dafür, unsere Worte mit unserem Verhalten in Einklang zu bringen. Wenn wir der Person schon lange mit unserem Verhalten gezeigt haben, was sie für uns bedeutet, dann werden diese drei Worte ohnehin keine große Überraschung für sie darstellen. Sie wird sich einfach nur freuen. Und Freude ist doch genau das, was wir ihr schenken wollten, oder?

 

Written by Waldemar