Wäre heute ein guter Museumstag?

Im Durchschnitt leben die Menschen ungefähr 28.000 Tage. Gehen wir mal vereinfachend davon aus, dass wir die Hälfte dieser Tage zumindest teilweise mit unserer Arbeit verbringen. Die Hälfte dieser Tage verbringen wir mit Arbeit. Wie oft stehen wir an diesen Arbeitstagen mit einem grimmigen Gesicht am Bahngleis oder mit genervter Miene in unseren Autos, während wir uns auf dem Weg zur Arbeit befinden? Nur ein weiterer Tag. Ein weiterer Tag. Der nächste Tag.

Stau. Genervt. Zugverspätung. Genervt. Scheiß Job. Genervt. Trotzdem zu faul, den Arsch zu bewegen. Nur ein weiterer Tag. Ein weiterer Tag. Der nächste Tag. Ein selbst gewähltes Leben, das wir vielleicht genervt leben, obwohl wir uns auch anders entscheiden könnten. Und dann stehst du am Bahngleis. Ein Montag. Dein Zug hat zehn Minuten Verspätung. Genau deine zehn Minuten, die du dir als Zeitpuffer einplanst. Du wirst zu spät kommen. „Scheiße“. Ein Mann neben dir sieht das Leiden in deinem Gesicht, blickt in deine Seele, dreht sich zu dir um und stellt dir eine Frage: „Wäre heute ein guter Museumstag?“

Stell dir doch mal Folgendes vor…

Was wäre, wenn jeder Tag unseres Lebens katalogisiert würde? Unsere Gefühle, die Menschen, mit denen wir zu tun haben, die Dinge, mit denen wir unsere Zeit verbringen?

Und wenn am Ende unseres Lebens ein Museum errichtet würde, in dem genau zu sehen wäre, wie wir unser Leben verbracht haben?

Wenn wir 80 Prozent unserer Zeit mit einem Job verbrächten, der uns nicht gefällt, dann wären auch 80 Prozent des Museums genau damit gefüllt. Man würde Bilder und Zitate sowie kurze Videofilme sehen, die Szenen verschiedener unglücklicher Momente zeigen.

Wenn wir zu 90 Prozent der Menschen, mit denen wir zu tun haben, freundlich wären, würde man genau das in dem Museum zeigen. Aber wenn wir ständig wütend und ungehalten wären oder 90 Prozent der Menschen in unserem Umfeld anschreien würden, könnte man auch das sehen. Alles wäre mit Fotos, kurzen Videoclips und Hörbeiträgen dokumentiert.

Wenn wir gerne in der Natur unterwegs wären, am liebsten viel Zeit mit unseren Kindern oder Freunden verbrächten, wenn wir das Leben gerne mit unserem Partner genießen würden, aber all dem nur zwei Prozent unseres Lebens widmen würden, dann wären auch nur zwei Prozent unseres Museums damit gefüllt - so sehr wir uns auch etwas anderes wünschen würden. Wahrscheinlich gäbe es dazu nur ein paar eingerahmte Bilder am Ende eines langen Flurs zu sehen.

Stell dir vor, wie es wäre, am Ende unseres Lebens durch das Museum zu gehen. Die Videos zu sehen, die Tondokumente zu hören und die Bilder zu betrachten. Wie würden wir uns dabei fühlen? Wie würden wir uns fühlen, wenn wir wüssten, dass uns das Museum für immer und ewig so zeigen würde, wie man sich an uns erinnert?

Alle Besucher würden uns genau so kennenlernen, wie wir tatsächlich waren. Die Erinnerung an uns würde nicht auf dem Leben basieren, das wir uns eigentlich erträumt hatten, sondern darauf, wie wir tatsächlich gelebt haben.

Stell dir vor, der Himmel oder das Jenseits oder wie auch immer wir uns das Leben nach dem Tod vorstellen, sähe so aus, dass wir auf ewig als Führer in unserem eigenen Museum unterwegs wären. - John Strelecky

Zurück in die Realität

Du stehst immer noch am Bahngleis. Die Worte dieses Mannes hallen in deinem Kopf nach. „Wäre heute ein guter Museumstag?“ Er verabschiedet sich von dir, steigt in seinen Zug ein, während du noch immer auf deinen Zug wartest. Vielleicht führst du seit Jahren diesen Job aus, der dich mehr nervt als erfüllt, der dir auch noch eines Tages den letzten Nerv rauben wird. Einen Job, den du einmal wähltest, der aber nie das war, was du dir von ihm erhofft hast. Oder du lebst ein Leben in der Zuschauerperspektive. Ein ewiger Zuschauer, der anderen dabei zusieht, wie sie ihr eigenes Leben leben und genießen, während du leidest und leidest – immer weiter leidest, denn du wusstest nie, dass es auch anders geht.

Das wäre kein guter Museumstag. Oder etwa doch? Ein einziger Schritt, um den Prozess in die Bahnen zu lenken, die dein Leben wieder auf Vordermann bringen. Eine Sache anders machen – eine Sache, die du schon immer ändern wolltest, dich aber nie trautest. Erstmal nur der eine Schritt. Der Rest folgt dann schon. „Aber wie…?“ Nein. Einfach los. Keine Fragen stellen. Tschüss.

Written by Waldemar