Die Dinge, die wir nie taten und bereuen

Alkohol kann erstaunlich ehrlich machen. „Weißt du, ich fand dich früher total süß. Schade, dass du nie Interesse an mir hattest. Keine Ahnung, warum ich dir das jetzt sage. Ach ja, Prost!“ Sie geht wieder zu ihren Freundinnen zurück und ich bleibe leicht irritiert stehen. Da geht sie, das Mädchen, in das ich jahrelang in meiner Schulzeit verknallt war.

„Schade, dass du nie Interesse an mir hattest.“ Der Satz hallt noch einige Momente in meinem Kopf nach. Was? Ich war total verknallt in sie. Als schüchterner Junge versteckte ich nur gerne überbordendes Interesse hinter desinteressiertem Verhalten. Dass sie interessiert an mir war, hatte ich nie bemerkt. So stehe ich also da, einen langsamen, schweren Schluck aus der Flasche trinkend. Prost.

Wir bedauern viel eher das, was wir unterlassen haben, als das, was wir getan haben

Dieses Gespräch fand vor etwa acht Jahren statt. Heute kann ich darüber schmunzeln. Wir blicken einige Jahre zurück, vielleicht fünf, vielleicht 10, vielleicht 15. Scheiße. Hätte ich sie damals doch nur nach einem Date gefragt. Scheiße, hätte ich doch damals nur dieses Jobangebot angenommen, welches einen erheblichen Schritt aus meiner Komfortzone heraus erfordert hätte. Scheiße, hätte ich doch nur damals meinen Job gekündigt und angefangen, mein eigenes Unternehmen aufzubauen. Barry Schwartz hat dazu in seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“ die folgenden treffenden Sätze geschrieben.

Die meisten Menschen scheinen intuitiv der Meinung zu sein, dass man Handlungen, die misslingen, stärker bereut, als das Versäumnis Handlungen vorzunehmen, die Erfolg gehabt hätten. Das bezeichnet man manchmal als Omission Bias, das heißt, die Tendenz, Unterlassungen (omissions) herunterzuspielen, wenn wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen bewerten. Allerdings lassen neuere Ergebnisse darauf schließen, dass Handlungen nicht immer einprägsamer sind als Unterlassungen. In Bezug auf Entscheidungen, die in der ferneren Vergangenheit gefällt wurden, erfährt das Omission Bias eine Umkehrung. Auf die Frage, was sie im letzten halben Jahr am meisten bedauern, geben die Menschen in der Regel Handlungen an, die ihre Erwartungen nicht erfüllt haben. Fragt man sie hingegen, was sie am stärksten bedauern, wenn sie auf ihr Leben als Ganzes zurückblicken, werden häufiger Unterlassungen genannt. Kurzfristig bereuen wir schlechte Ausbildungsentscheidungen, langfristig dagegen versäumte Ausbildungschancen. Kurzfristig bereuen wir eine gescheiterte Beziehung, langfristig hingegen eine verpasste Gelegenheit zu einer Beziehung. - Barry Schwartz

Wir bereuen also eher die Sachen, die wir nicht getan haben – zumindest in den für uns wichtigen Bereichen des Lebens. Um zu wissen, welche Entscheidungen in unserem Leben wichtig sind, sollten wir manchmal einen Schritt zurück treten. Wenn wir immer nur die Dinge sehen, die direkt vor unserer Nase sind, dann verlieren wir das große Bild aus den Augen. Das große Bild ist allerdings das, welches unser Leben lenkt.

Wenn wir das nächste mal vor einer Entscheidung stehen, die uns eine Heidenangst einjagt, aber genau die Veränderung in unserem Leben herbeiführen kann, die wir uns herbeisehnen, dann sollten wir uns diese Frage stellen: „Will ich in 60 Jahren auf dem Sterbebett liegen und mich fragen müssen, warum ich mich damals nicht getraut habe?“

 

Written by Waldemar