Der Fotowahn – Lass mich noch schnell ein Foto schießen!

Oh mein Gott. Dieses Tiramisu wurde von Gott persönlich geschickt, um mich zu einem glücklicheren Menschen zu machen. Da thront es auf meinem Teller. Mit seinen liebevollen Tiramisu-Augen lächelt es mich verliebt an, es nickt mir zu. Meine gierigen Augen blicken umher, eilig tasten meine hungrigen Hände nach der Fressforke. Ich bin bereit, mit diesem Tiramisu unaussprechliche Dinge zu tun.

Als ich gerade dabei mit, mir das erste Stück in königlicher Manier einzuverleiben, werde ich abrupt unterbrochen. HALT, STOP! Was? Warum? Bist du der Teufel? Hunger habe ich doch, ich kann nicht stoppen, mein Tiramisu und ich sind für diesen Moment geschaffen worden! HALT, STOP! Ich mache noch ein Foto für Instagram, für Snapchat, unsere 83 Tanten und 85 Onkel, Oma und Opa, Mama und Papa, dann schicke ich das alles per WhatsApp, dann kannst du essen.

Das wäre ja zu einfach gewesen. Ich war bereit, mit diesem Tiramisu viele kleine Tiramisubabys zu zeugen, die Welt zu erobern, den Weltfrieden herbeizuführen und glücklich verliebt den Rest meines Lebens zu verbringen. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne unsere aufmerksamkeitsheischende Guck-Wie-Geil-Mein-Leben-Auf-Fotos-Aussieht-Gesellschaft gemacht.

So lasse ich dann 12 Fotos von dem Tiramisu schießen, warte, bis eines davon mit dem passenden Filter „total hammer“ aussieht und spüre förmlich, wie das Band zwischen mir und meinem Tiramisu immer schwächer wird. Nachdem ich dann meiner Tante dabei zusehe, wie sie 27 verschickten WhatsApp-Nachrichten in Zeitlupentempo tippt, darf ich dann endlich meine Gabel an dieses Meisterwerk der Küchenkunst anlegen.

Eine wirklich geile Zeit zu haben ist wichtiger als die Welt glauben zu lassen, du habest eine geile Zeit

Ja, das Tiramisu war köstlich. Ich bin mir allerdings äußerst sicher, dass ich es mit einem größeren Lächeln in mich geschaufelt hätte, wenn mit der kräftezehrenden Fotosessions nicht mein Cortisollevel unnötigerweise in die Höhe getrieben worden wäre. In solchen Momenten frage ich mich, was wir Menschen wollen. Ein Foto schießen zu wollen ist ein vollkommen legitimer Wunsch, wenn uns etwas als schön erscheint. Dagegen möchte ich auch gar nichts sagen.

Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen. – Erasmus von Rotterdam

Was mir missfällt, ist dieser Hang dazu, die Dinge in einem möglichst optimalen Licht abbilden zu wollen, nur um dann anderen Menschen zeigen zu können, wie toll das eigene Leben doch ist. Das Tiramisu sah fantastisch aus auf dem Bild. Ich finde nur, dass der Moment selbst im Vordergrund stehen sollte. Den Moment zu genießen ist mir wichtiger als andere Menschen glauben zu lassen, dass ich einen wunderbaren Moment hatte.

Das Scheinen scheint aber immer mehr das Sein aus dem Fokus rücken und für sich selbst die Herrschaftsposition einnehmen zu wollen. Hauptsache andere denken, dir gehe es super. Mach dein Foto, aber lass mich doch bitte diesen verdammten Moment genießen, wenn das Foto nicht perfekt geworden ist. Mein Tiramisu und ich, Baby!

Written by Waldemar