Paul Watzlawick – Anleitung zum Unglücklichsein

Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich stoßweise wie ein etwas debiler Neandertaler in der Bahn anfange zu lachen. Meist habe ich dabei ein Buch in der Hand und mich soeben selbst dabei erwischt, wie etwas Gelesenes erstaunlich treffend mit meinem eigenen Leben resoniert. Paul Watzlawicks Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ hat einige dieser Momente bei mir ausgelöst.

Mit seinem Buch hat er einen lustigen Gegenspieler zu all den Glücklichkeits-Ratgebern auf das Feld geschickt. Mit erheiternden Anekdoten schafft er es dabei, uns unsere widersprüchlichen Verhaltensweisen vor Augen zu führen. Nimmt man diese Ratschläge zum Unglücklichsein und kehrt sie in ihr Gegenteil um, dann lassen sich aus diesem Buch viele Ratschläge für das eigene Leben entnehmen. Im Folgenden habe ich ein paar Zitate aus dem Buch mit meinen eigenen Gedanken dazu versehen.

Der Einstieg

erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über die Ohren, bis über den Kopf, so daß an die Oberfläche des Glücks wie zum Wasserspiegel nur noch Bläschen aufsteigen, geben Sie ihm ein pekuniäres Auskommen, daß ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen – so wird er doch, dieser selbe Mensch, Ihnen auf der Stelle aus purer Undankbarkeit, einzig aus Schmähsucht einen Streich spielen. Er wird sogar die Lebkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Unsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein eigenes unheilbringendes phantastisches Element beizumischen. Gerade seine phantastischen Einfälle, seine banale Dummheit wird er behalten wollen …“]“Was

Mit diesem Zitat wird das Buch eingeleitet. Es beschreibt den Umstand, dass wir Menschen mit zu viel Gutem nicht klarkommen. Schon Goethe formulierte einmal, dass nichts schwerer zu ertragen sei als eine Reihe von guten Tagen. Der Mensch ist schon ein beklopptes Wesen. Wenn es ihm zu gut geht, dann sucht er sich selbst Probleme, wo keine sind. Viele Menschen ertragen ein zu gutes Leben schlicht und ergreifend nicht, viele davon aus dem Grund, weil sie denken, sie hätten es gar nicht verdient. Und so wandeln sie durch ihre Glücksphase – immer Ausschau haltend nach dem einen Haken, den sie übersehen haben – und lassen von diesem vermeintlichen Haken all ihr Glück überschatten.

Manchmal ist das Leben allerdings einfach nur gut zu dir. Kein Haken. Uns wäre mehr damit geholfen, unsere Angst vor dem Erfolgreichsein zu überwinden anstatt unsere Angst vor dem Scheitern zu überwinden. Das Gute zu akzeptieren und einfach zu genießen – diese Fähigkeit müssen viele von uns noch lernen.

Über selbsterfüllende Prophezeiungen

Ihr Horoskop in der heutigen Zeitung warnt Sie (und ungefähr 300 Millionen andere, im selben Tierkreiszeichen Geborene) vor der Möglichkeit eines Unfalls. Tatsächlich passiert Ihnen etwas. Also hat es mit der Astrologie doch seine Bewandtnis. Oder? Sind Sie sicher, dass sie den Unfall auch dann gehabt hätten, wenn Sie das Horoskop nicht gelesen hätten? Oder wenn Sie wirklich überzeugt wären, dass die Astrologie krasser Unsinn ist?

Nachwievor eines der Phänomene, die mich am meisten faszinieren. Mit unseren eigenen Gedanken steuern wir unser eigenes Verhalten und infolgedessen auch häufig das Verhalten anderer Menschen. Gehe ich davon aus, dass etwas schiefgehen wird, werde ich mich so verhalten, dass das, wovon ich ausgehe, tatsächlich eintrifft. Unser Gehirn findet es total knorke, wenn ein von ihm antizipiertes Ereignis in der Zukunft auch tatsächlich eintritt. Alles Vorhersagbare gefällt unserem Gehirn. Selbst wenn das Vorhergesagte etwas Schlechtes für uns bedeutet, so gefallen vorhersagbare Dinge unserem Gehirn immer noch besser als nicht kalkulierbare Unwägbarkeiten.

Denken wir, dass jemand ein Arschloch ist, verhalten wir uns ihm gegenüber eben so, wie wir uns gegenüber einem Arschloch verhalten würden. Die betroffene Person fragt sich dann natürlich, warum sie grundlos wie ein Arschloch behandelt wird. Infolgedessen wird sie sich dann wie ein Arschloch verhalten, weil sie uns für ein Arschloch hält. Wir haben uns soeben unser eigenes Loch gegraben.

Jede von einer genügend großen Zahl von Menschen geglaubte Prophezeiung der bevorstehenden Verknappung oder Verteuerung einer Ware wird (ob die Voraussage faktisch richtig ist oder nicht ) zu Hamsterkäufen und damit zur Verknappung oder Verteuerung der Ware führen. Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung.

In der Retrospektive sieht immer alles besser aus

Mit etwas Geschick kann es auch der Anfänger fertigbringen, seine Vergangenheit durch einen Filter zu sehen, der nur das Gute und Schöne in möglichst verklärtem Licht durchlässt. Nur wem dieser Trick nicht gelingt, wird die Zeit seiner Pubertät (ganz zu schweigen von seiner Kindheit) mit handfestem Realismus als Periode der Unsicherheit, des Weltschmerzes und der Zukunftsangst erinnern und auch nicht einem einzigen Tag dieser langen Jahre nachtrauern. Dem begabteren Unglücksaspiranten dagegen sollte es wirklich nicht schwerfallen, seine Jugend als das unwiederbringlich verlorene Goldene Zeitalter zu sehen und sich so ein unerschöpfliches Trauerreservoir zu erschließen.

Auch wenn wir es gerne so hätten: Früher war nicht alles besser. Oh ja, früher war vieles anders. Die Zeit als Kind oder Jugendlicher hatte sicher einige Vorteile, die man als Erwachsener nicht mehr in der Form genießen kann. Da hatten wir noch keine Probleme. Zumindest aus heutiger Sicht. Wenn wir uns allerdings einen Moment Zeit nehmen und in diese Zeit zurückversetzen, dann fällt uns zügig auf, dass wir eben doch Probleme hatten. Die Probleme mögen aus heutiger Sicht nichtig erscheinen, aber für jemanden, der niemals mit großen Problemen konfrontiert gewesen ist, können sie dennoch überwältigend sein.

Die erste, große, nicht erwiderte Liebe. Abiturprüfungen. Menschen, die einen nicht mögen. Alles Dinge, mit denen der Mensch gut klarkommt, wenn er etwas Lebenserfahrung gesammelt hat. Für ein Kind oder einen Jugendlichen aber ungleich schwerer zu verarbeiten.

Das gleiche Phänomen lässt sich auch beobachten, wenn Menschen ihren vergangenen Beziehungen nachtrauern, die ja so wundervoll waren. All die schönen Dinge rücken dort zum Fokus der Aufmerksamkeit. Dass die Beziehung in den meisten Fällen nicht ohne Grund vergangen ist und es sehr wohl negative Episoden gab, entfällt einem schnell.

Der Hammer

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgetäuscht, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er 'Guten Morgen' sagen kann, schreit ihn unser Mann an: 'Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!'

Ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir uns in unseren eigenen Gedankengängen verfangen können, diese ins Endlose weiterspinnen, nur um uns dann von dem darauffolgenden Lawine von Scheiße überschwemmen zu lassen. Unser Gehirn neigt dazu, Ereignisse in der Zukunft voraussagen zu wollen. Noch dazu interessiert uns, was andere Menschen von uns denken. Wir sind gerade zu versessen darauf zu erfahren, was jemand anderes von uns denkt.

Als wäre das nicht genug, denkt unser Gehirn zusätzlich gerne in Ursache-Wirkung-Beziehungen. Wir interpretieren in jedes Verhalten eine Ursache herein, ohne die genaueren Umstände zu 100% zu kennen. So interpretieren wir die flüchtige Begrüßung des Nachbarn vielleicht als persönliche Abneigung gegen uns, obwohl er einfach schlecht geschlafen haben könnte oder einen schlechten Tag hatte. Aus dieser herausgearbeiteten Ursache versucht es dann Rückschlüsse auf den Charakter oder die Wesensart des Menschen zu ziehen.

Blöderweise sind hier dermaßen viele Parameter und Umstände unbekannt, dass der Ergebnis schlicht und ergreifend nur falsch sein kann. Wenn die Prämisse schon nicht zutreffend ist, dann stehen alle darauf aufbauenden weiteren Schlussfolgerungen auf wackligem Boden. Umso wichtiger ist es für uns, hin und wieder unsere Interpretationen zu hinterfragen. Wir sollten uns selbst fragen, was uns zu unserer Annahme leitet. An dem Punkt können wir dann auch analysieren, welche weiteren Schlussfolgerungen vielleicht nur aus der Luft gegriffen sind und jeder Realität entbehren.

Written by Waldemar