Rein geboren – Wie wir im Laufe des Lebens das Herz verlieren

Vor einer Weile las ich von einem Experiment mit Babys. Dabei wurde ihnen in einem ersten Ablauf 6 Monate alten Babys ein gelbes Männchen gezeigt, das versucht, einen Berg zu erklimmen. Dabei wird dem gelben Männchen von einem grünen Männchen nach oben geholfen. In einem zweiten Ablauf bekommt das gelbe Männchen wieder Hilfe von einem grünen Männchen. Dieses Mal jedoch wird das gelbe Männchen kurz vor Erreichen seines Ziels von einem roten Männchen heruntergestoßen.

Danach wurde den Babys ein grünes und ein rotes Männchen zur Auswahl geboten. 100% der Babys entschieden sich für das grüne Männchen. Als der Test mit den Babys ein halbes Jahr  später wiederholt wurde, sie also ein bestimmtes Alter überschritten hatten und mehr Eindrücke aus ihrer Umgebung aufgenommen hatten, entschieden sich nur noch 90% für das grüne Männchen, die anderen 10 % entschieden sich für das rote Männchen.

Was war also passiert? Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Babys in ihrem Umfeld miterlebt haben, wie Menschen mit einer Ellenbogenmentalität erfolgreich sind. Diese Babys wählten dann das rote Männchen. Sie wurde also maßgeblich von ihrem engsten Umfeld in diese Richtung hin beeinflusst.

 Was ich für mich als Lektion aus diesem Experiment ziehe

Hinter jedem grimmigen Gesicht steckt ein unschuldiges, liebes Kind. Ich glaube fest daran. Der Mensch ist in seiner Grundform mitfühlend und hat ein reines Herz. Kinder differenzieren nicht in der Form, wie wir es als Erwachsene tun. Für sie gibt es kein schwarz und weiß. Es hilft mir zu wissen, dass jeder einmal als kleines unschuldiges Kind auf die Welt gekommen ist. Abhängig, nicht befähigt, sich selbst ohne fremde Beihilfe sein Leben zu erhalten.

Kinder sind insbesondere auch in ihrem jungen Alter sehr mitfühlend. Wir alle kennen es, wenn wir irgendwo in einer Bahn sitzen und irgendwo ein Kind anfängt zu weinen. Innerhalb von wenigen Momenten gesellt sich gerne ein Kind aus einer komplett anderen Ecke dazu. Bis zu einem gewissen Alter sind Kinder nicht wirklich in der Lage, Unterscheidungen zwischen sich selbst und der Umwelt zu treffen – sie betrachten sich nicht als separiertes Wesen, sondern als zum Ganzen zugehörig.

Die Grundlage des Weltfriedens ist das Mitgefühl. – Dalai Lama

Natürlich kann unser Ziel nicht sein, dass sich jeder immer von der Stimmungslage anderer Menschen komplett anstecken lässt. Es ist gut und richtig, dass wir im Laufe unseres Lebens lernen, unsere Gefühle zu regulieren. Nur weil eine andere Person weint, muss ich selbst nicht weinen. Nur weil eine andere Person lacht, muss ich selbst nicht lachen. Wir sind nicht immun gegen die Emotionen anderer Menschen.

Allzu oft verhalten wir uns aber so, als wären wir es. Wir schotten uns komplett von unserer Gefühlswelt ab, errichten Mauern um uns herum, um ja niemanden an unser wertvolles Inneres zu lassen. Benötigt eine andere Person unsere Hilfe, dann drehen wir uns ab. Wir können nicht jedem Obdachlosen helfen, das ist mir bewusst, aber wir können zumindest jedem Menschen einen guten Moment schenken, ohne dafür all unser Hab und Gut abzugeben.

Im Kern sind wir gut. Was uns zu moralisch fragwürdigen Handlungen führt, ist der Einfluss, dem wir ausgesetzt sind.

Mit dieser Prämisse versuche ich mich an jeden Menschen heranzuwagen. Egal wie grimmig dieser Mensch gerade dreinblickt, egal wie „böse“ er mir erscheint und egal, was er für schlimme Sachen im Sinn hat. Ich versuche hinter seine Fassade zu blicken. Irgendwo hinter der bösen, grimmigen Maske steckt ein Kind, das unschuldig ist und auch nur geliebt werden will. Da unten, tief in ihm drin, ist ein Schmerz erwachsen, den er selbst wahrscheinlich nicht einmal mehr ergründen kann. Er hat etwas erlebt, das ihm zu dem Menschen gemacht hat, der er jetzt ist. Sein Kern ist nicht böse. Am Ende ist er auch nur ein Kind, das irgendwie versucht hat, mit einer Situation auf bestmögliche Art umzugehen und im Zuge dessen „böse“ Verhaltensweise bewirkt hat. Hätte dieses Kind besser mit seinem Erlebnis umzugehen gewusst, dann wäre das nie passiert.

Wie reich und mächtig wir auch sein mögen, ohne Mitgefühl erfahren wir keinen inneren Frieden. – Dalai Lama

Und das ist die Art, mit der ich meinen Menschen begegne. Ich sehe sie als etwas Gutes. Als eine Kerze, die einmal gebrannt hat, aber vom Vakuum erstickt wurde. Eine Kerze, die sich nach Mitgefühl und Liebe gesehnt hat, aber sie nie bekommen hat und deren Flamme letztendlich erlosch. Was kann diese Kerze schon dafür, dass sie in einem Vakuum aufwachsen musste?…

Written by Waldemar