Du bist was du trägst

Worte, die wahrer kaum sein könnten. Durch unsere Art, uns zu kleiden, transportieren wir unser Ich nach außen. Wir zeigen der Welt, wer wir sind – oder wir zeigen der Welt, wer wir sein möchten. An der Art, wie wir uns kleiden, lassen sich viele Dinge ablesen. Zum einen erkennen wir daran, wie wichtig wir uns selbst sind. Wenn wir uns in stinkenden, zerrissenen und zerschlissenen Kleidern in die Öffentlichkeit wagen, dann zeigen wir damit, dass wir uns selbst nicht wichtig sind.

Natürlich, manche Menschen leben in Armut und können sich nicht die schönsten aller Kleider leisten. Aber Kleidung zu waschen und dafür zu sorgen, dass wir nicht wie Obdachlose aussehen, dafür kann jeder – zumindest in Deutschland – sorgen. Ich möchte hier auch keine Debatte über die Situation mancher Menschen lostreten, die sich selbst und ihr Leben aufgegeben haben. Die klammere ich hier bewusst aus.

Was unsere Art uns zu kleiden über uns aussagt

Unsere Art uns zu kleiden sagt also eine Menge darüber aus, wie viel wir uns selbst wert sind. Wer sich selbst viel wert ist, wird seine Kleidung regelmäßig waschen und dafür Sorge tragen, dass sie einigermaßen ansehnlich ist, wenn er sich in die Öffentlichkeit begibt. Natürlich gibt es hierbei auch Menschen, die mit ihrer Kleidungswahl bewusst ein Statement setzen möchte. Sie kleiden sich bewusst so, dass sie Empörung bei anderen Menschen auslösen und Aufmerksamkeit erregen. Sie wollen der Welt zeigen, dass sie da sind und gesehen werden wollen. Ein Teil von ihnen möchte vielleicht sogar rebellieren und den Menschen zeigen, dass ihnen ihre Meinung egal ist.

Man empfängt Menschen nach dem Kleide und entlässt sie nach dem Verstand. – Karl Simrock

Dabei entsteht hier ein Paradoxon. Sie zeigen durch ihre Kleidung vermeintlich, dass ihnen die Meinung anderer Menschen egal ist, dabei erkennen sie gar nicht, dass sie damit nur noch mehr zeigen, wie wichtig ihnen die Meinung anderer Menschen ist. Wenn mir die Meinung anderer Menschen egal ist, warum sollte ich dann so dringend versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen? Wenn sie mich nicht interessieren würden, dann wäre mir doch scheißegal, ob ich ihnen auffalle oder nicht. Da beißt sich der Hund doch in den eigenen Schwanz!

Kleidung und Stereotypen

Anhand ihrer Kleidungswahl ist es sehr einfach, Menschen in gewisse stereotype Schubladen zu stecken. Wir können ihnen Charakterattribute zuschreiben, die sie aller Wahrscheinlichkeit nach besitzen. Jemand, der eine Lederjacke und Sonnenbrille mit Tattoos und schwarzer Kleidung trägt, wird da gerne in die Schublade Rockstar gesteckt und ihm all jene Attribute zugeschrieben, die Rockstars auszeichnen. Genauso schnell landet der Mann mit Anzug, Hemd und schicken Schuhen in der Schublade Businessman.

Die Außenseite eines Menschen ist das Titelblatt des Innern.

Diese Stereotypisierung mag für manche im ersten Moment Unbehagen auslösen, weil sie etwas „Schlechtes“ sein kann. Ja, natürlich kann es sein, dass wir jemanden anhand seiner Kleidung in eine Schublade stecken, in die er eigentlich nicht gehört. Aber in vielen Fällen liegen wir mit diesen Stereotypen gar nicht mal so falsch. Das Gehirn hat nicht ohne Grund Mittel und Wege gefunden, um Informationen schnell zu verarbeiten und auf gewisse Muster zu überprüfen, um uns in einer Welt stetiger Veränderung zurechtfinden zu können.

Wenn wir erst jeden Menschen genau kennenlernen müssten, um ihn einzuschätzen, dann würde das ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Es ist also ein Mechanismus mit einer definitiven Daseinsberechtigung, denn er erspart uns viel Zeit und Nerven. Klar, er liegt nicht immer richtig und vielleicht gehen uns interessante Begegnungen verloren, weil die Stereotypisierung mal jemanden falsch einordnet, aber im Großen und Ganzen ist sie uns sehr behilflich.

Wie du dich kleidest, so verhältst du dich auch

Interessant kann die Kleidungswahl auch sein, wenn es um die Partnerfindung geht. So wird vielen Menschen schon aufgefallen sein, dass Männer und Frauen, die Single sind, sich anders kleiden als ihre vergebenen Gleichgeschlechtler. Eine Frau, die Single ist, trägt in aller Regel auffälligere Kleidung. Es ist ihr wichtiger, in der Menge aufzufallen. Häufig ist das insbesondere an der Wahl ihrer Accessoires zu sehen. Single-Frauen tragen mehr und auffälligere Accessoires. Für Single-Männer gelten im Allgemeinen die gleichen Merkmale.

In hohen Schuhen kann ich mich nicht konzentrieren. – Victoria Beckham

Je nachdem, wie wir uns kleiden, passen wir auch unser Verhalten entsprechend an. Wenn ich spätabends in Jogginghose zum Supermarkt um die Ecke latsche, dann verhalte ich mich eher lässiger und cooler und bin nicht so sehr darauf bedacht, einen guten Eindruck bei den Menschen zu hinterlassen. Trage ich stattdessen einen schicken Anzug, dann verhalte ich mich direkt viel vornehmer und förmlicher. Zum einen möchten wir, dass unsere Handlungen im Einklang mit dem stehen, was wir repräsentieren. Zum anderen ist uns auch bewusst, dass ein entsprechendes Verhalten von uns erwartet wird.

Wenn ich einen Anzug anhabe, treten die Menschen mir gegenüber anders auf, als wenn ich eine Jogginghose trage. Sie sind eher geneigt, mich zu siezen und mit Respekt zu behandeln. Genau so sind diese Menschen eher geneigt, mich als seriös und vertrauenswürdig einzuschätzen. Hier wurden auch schon interessante Versuche gemacht, bei denen Menschen instruiert wurden, in normaler Kleidung und in adretter Kleidung sehr offensichtliche Ladendiebstähle zu begehen, die von anderen Menschen gesehen wurde. Daraufhin wurde untersucht, wie viele dieser Zeugen die Ladendiebstähle meldeten. Wie du vielleicht schon vermutest, wurden die Ladendiebstähle viel seltener gemeldet, wenn der Dieb einen Anzug trug.

Written by Waldemar