Die Gewohnheit der Unordnung

Spottend blickt es dich an. Seine Augen lachen laut- und gesichtslos über dich, aber dennoch kannst du sie hören. Zerknittert liegt es da, ein Ärmel sorglos über die Lehne deiner Couch gelegt. Es ist dein Feind – zumindest momentan. Du hast noch nicht herausgefunden, wie du es zu deinem Freund machen kannst. Immer liegt es nur da, mit all seinen Freunden, und spottet über dich. Es nimmt dir deine kostbare Zeit und macht dein Zimmer nur allzu oft zu einem unbewohnbaren Ort. Wenn es sich doch nur eigenständig hinfort bewegen könnte. Einfach so – wenn ihm doch nur Beine wachsen könnten und es sich verziehen würde! Ein Seufzer entfährt dir. Wie schön das doch wäre!

Aber es bleibt. Auf wundersame Weise ändert es seine Form und scheint von Tag zu Tag größer zu werden. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr Freunde lädt es zu seiner Privatparty ein. Verdammt – es hat so viele Freunde! Woher hat es die nur? Du bist ratlos. Du weißt nicht, was du tun sollst. Du fühlst dich von ihm und der endlosen Last all seiner Freunde erdrückt. Es raubt dir förmlich dein Lebensglück. Aber heute ist ein besonderer Tag. Heute versprichst du dir etwas, was du bald schon zu deiner eisernen Gewohnheit machen wirst. Du versprichst dir etwas, das das Potenzial hat, dir viele kummergeschwängerte Momente zu ersparen, die du ohne dieses Versprechen noch erleben wirst. Du versprichst dir, es ab jetzt anders zu machen…

Einmal das gewohnte Muster durchbrechen

Du stehst auf. Sicheren Schrittes bewegst du dich auf seine lachenden Augen zu. Du greifst nach ihm und nimmst es in deine Hände. Kritisch besiehst du dir deine gemachte Beute. Das war es, was mich so vieler Nerven beraubt hat? Du kannst es nicht fassen. Eifrig faltest du dein T-Shirt zusammen und bringst es zu deinem Schrank, wo du es sorgsam verstaust. Danach siehst du dich in deinem Zimmer um und lädst all seine Freunde zu der gleichen Party in deinem Schrank ein. Das gleiche Spiel wiederholst du für all jene Dinge, die von dir sorg- und sinnlos in deinem Zimmer verteilt wurden.

In einem aufgeräumten Zimmer ist auch die Seele aufgeräumt.– Ernst Freiherr von Feuchtersleben

Du fühlst dich befreit. Dein Zimmer nimmt wieder so etwas wie eine ordentliche Form an. Es fühlt sich gut an. Dann fragst du dich, warum du es nicht schon immer so gemacht hast. Außerdem verstehst du nicht, warum es dich so viel Überwindung kostet, die Sachen immer direkt dahin zu verfrachten, wo sie hingehören. Die Antwort ist zugleich einfach und schwierig. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere.

Gewohnheiten sind die treibende Kraft in unserem Leben

Gewohnheiten entwickeln sich, wenn wir einen bestimmten Ablauf immer wieder auf eine ähnliche oder gleiche Art und Weise wiederholen. Dieser Ablauf prägt sich dann ein, er läuft irgendwann automatisiert ab. Einer Gewohnheit geht immer ein Reiz voraus, der sie auslöst. Nach Ausführung der Gewohnheit wird das Ganze dann mit einer Belohnung beendet. Es sind also drei Schritte, die hier ablaufen. Wenn wir einen Ablauf oft genug wiederholt haben, so wird er zu einem Automatismus. Er läuft dann unter minimalem Ressourcenaufwand ab.

Interessanterweise wenden viele von uns mehr geistige Ressourcen für die Verdrängung von Aufgaben auf, als das eigentliche Erledigen der Aufgabe benötigen würde. Wir denken also lieber 5 Minuten über die Aufgabe nach, statt sie einfach innerhalb von 2 Minuten zu erledigen. Unser Schweinehund ist nicht das klügste Tier im Walde, so viel steht fest.

Die meisten leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten. – Jean Cocteau

Wichtig ist, dass wir verstehen, wie unser Leben wesentlich von Gewohnheiten geprägt wird. Ebenso wichtig ist es zu verstehen, dass wir unsere Gewohnheiten ändern können. Das erfordert vielleicht die ersten Male mehr Kraftaufwand, aber nach einiger Zeit müssen wir darüber gar nicht mehr nachdenken. Jedes Mal, wenn wir uns dazu entscheiden, etwas unachtsam irgendwo hinzulegen, können wir uns selbst fragen, ob dieser Gegenstand gerade wirklich dort hin gehört. Und wenn die Antwort nein ist, legen wir ihn eben dort hin, wo er hingehört. Ja, vielleicht kostet uns das ein paar Sekunden mehr. Dafür sparen wir uns diese Zeit vielfach, denn wir werden nicht in die Gelegenheit kommen, darüber zu grübeln, wann wir das nächste Mal aufräumen oder wo dies und jenes versteckt liegt.

Ordnung zu halten ist eine Gewohnheit, keine vererbte Fähigkeit. Und in einer geordneten Umgebung kann unser Verstand leichter ruhen. Er hat dann mehr Zeit für wirklich spannende Gedanken und muss sie nicht dafür opfern, um herauszufinden, wo die verdammte linke Socke ist.

Written by Waldermer