Wie dich deine Erinnerungen in der Vergangenheit halten

Erinnerungen an gute Zeiten, an schlechte Zeiten. Mit unseren Erinnerungen halten wir Momente wach, die wir nicht vergessen wollen. Warum wir das tun, ist uns in seltenen Fällen bewusst. Wir tun es einfach, ohne darüber nachzudenken. Wie kleine Blubberbläschen ploppen sie auf einmal in unserem Gehirn auf. Blub, hier bin ich, deal with it. Und dann müssen wir damit klarkommen. Manchmal sind es schöne Erinnerungen an bessere Zeiten, aber oft genug sind es Erinnerungen, die wir am liebsten in der verstaubtesten Ecke unseres Verstandes einkerkern würden, ohne sie je wieder zu Gesicht zu bekommen.

Leider funktionieren Erinnerungen nicht so. Je mehr wir versuchen zu verdrängen, desto eher nähren sich unsere Erinnerungen und kommen umso stärker zurück. Das kann bei schönen Erinnerungen ein tolles Gefühl sein, aber bringt selbst hier seine Nachteile. Erinnerungen neigen dazu, stark verzerrt zu sein. Sie sind kein realistisches Abbild unserer Realität. Viel eher sind sie ein Abbild, das von unseren Gefühlen und Filtern in dem Moment der Erinnerung imprägniert sind. Je nachdem, an was wir uns erinnern, kann es so auch passieren, dass wir negative Elemente der Erinnerung einfach ausblenden, ohne dass es uns bewusst ist.

Früher war alles besser

Ein typisches Phänomen verzerrter Erinnerungen ist das nostalgische „früher war alles besser“. Interessanterweise scheint uns die Vergangenheit häufig leuchtend-schön und aufregend, während das jetzt nicht so wirklich mithalten kann. Häufig habe ich mich selbst schon dabei erwischt, wie ich ein altes Foto von mir ansah, mir dabei dachte – „Das war eine geile Zeit!“ Wenn ich dann noch mal genauer darüber nachdenke, fällt mir auf, dass es zwar eine coole Zeit war, es aber bei weitem nicht so fantastisch ist, wie ein Foto das gerne suggeriert.

Dass früher alles besser war, das sagt man nicht nur heute, das sagte man auch schon früher. – Ernst Ferstl

Gerne denken wir an unsere Kindheit zurück. So unbeschwert konnten wir durch das Leben laufen. Echte Probleme kannten wir nicht, denn Mama und Papa kümmerten sich um alles. Wir konnten glücklich auf den Spielplätzen spielen, Schmetterlingen hinterher jagen und mit Hämmern nutzlose Nägel in zufällig ausgewählte Bäume schlagen. In der Retrospektive klingt das alles völlig unbekümmert. Oft mag es das sogar gewesen sein. Vergessen sollten wir dabei aber nicht, dass ein Kind die Welt anders wahrnimmt. Aus unserer Perspektive betrachtet hat ein Kind keine Probleme, ja. Aus Sicht des Kindes jedoch gibt es sehr wohl Probleme, denn es hat schlicht und ergreifend nicht unseren Erfahrungsschatz. Für ein Kind kann die Welt untergehen, wenn ein Spielkamerad nicht mit ihm spielen will – das sieht für uns vielleicht nicht wie ein ernsthaftes Problem aus, kann aber von einem Kind ganz anders wahrgenommen werden.

So Schlimm ist es doch gar nicht

Viele Menschen verharren eine gefühlte Ewigkeit in unangenehmen Lebensumständen. Wie viele Männer und Frauen habe ich schon gesehen, die sich an ihre Beziehungen wie Schiffsbrüchige an ein Treibgut klammerten – während jeder mit neutraler Perspektive sehen konnte, dass diese Beziehungen bereits dem Tode geweiht war. Oft wird hierbei von den Betroffenen darauf hingewiesen, dass sie doch auch „fantastische Zeiten hatten“. Über geradezu märchenhaft schöne gemeinsame Erlebnisse wird dort berichtet. Die aktuell havarierte Beziehungssituation wird dann gerne mit „so schlimm ist es doch gar nicht“ beschrieben. Das Ding ist: „So schlimm ist es doch gar nicht“ ist eine verdammt beschissene Beschreibung der eigenen Beziehung. So schlimm ist es doch gar nicht sollte bei aller Liebe nicht der Anspruch an unser Beziehungsleben sein.

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll. – Georg Christoph Lichtenberg

Ein guter Freund hatte jüngst auch viel mit seiner Beziehung zu kämpfen. Es war ein ständiges auf und ab. Wieder zusammen, wieder getrennt. Hier ein Drama. Da ein Problem. Weinen. Wut. Einander nicht mehr vertrauen können. Einige Male habe ich mir angehört, was ihm auf dem Herzen lag. Hier und jetzt gab es nur Probleme. Für mich als Außenstehender war erkennbar, dass der Schaden schon längst viel zu groß war, als dass er hätte repariert werden können. Worte und Dinge können nicht ungeschehen gemacht werden. Viele Gespräche folgten, er war dauerhaft bedrückt – über Monate und Wochen hinweg.

Auch das schlechteste Buch hat seine gute Seite: die letzte!– John Osborne

Interessant fand ich hierbei, dass er dabei immer wieder über die Vergangenheit erzählte. Über die tollen Zeiten, die sie gemeinsam hatten. Über ein tolles Erinnerungsbuch, das sie ihm geschenkt hatte. Über die gemeinsamen Erlebnisse, die sie gemeinsam erlebt hatten. Ich hatte nie Zweifel daran, dass er diese tollen Zeiten hatte. Es ist meiner Meinung nach auch wichtig, sich diese tollen Zeiten in ehrenhafter Erinnerung zu halten. Nur können auch die besten Erinnerungen das hier und jetzt nicht wettmachen, wenn das hier und jetzt echt kacke läuft. Also sprach ich ihn darauf an, dass er mir zwar immer von tollen Zeiten erzählt, ich aber in den letzten 10 Gesprächen mit ihm immer nur gehört habe, wie miserabel er sich gerade fühlt und wie schlecht es läuft. Ich fragte ihn, ob er sich überhaupt noch daran erinnern konnte, wann diese guten Zeiten waren – wann er das letzte Mal auch nur eine Woche lang nicht emotional wegen seiner Beziehung in den Seilen hing. Sein Blick und sein Gesichtsausdruck sprachen mehr als tausend Worte.

Mut zur Veränderung fassen

Am Ende wissen wir alle, dass wir nicht in der Vergangenheit leben können. Wir können nur im Hier und Jetzt leben. Sich an alte Erinnerungen zu klammern ist ein Merkmal vor allen derjenigen Personen, die Angst vor Veränderungen haben. Veränderungen sind allerdings genau das, was das Leben so spannend hält. Veränderungen sind häufig die Punkte im Leben, auf die wir irgendwann mal zurückblicken und denken – „Geil, das war der Start einer verdammt coolen Phase meines Lebens!“.

Veränderungen begünstigen nur den, der darauf vorbereitet ist. – Louis Pasteur

Die Komfortzone ist manchmal auch ganz nett. In Veränderungen schwelgen kann schön sein. Lasst uns aber nicht vergessen, worauf es uns ankommt. Wir wollen hier und jetzt eine geile Zeit haben. Die Schlüssel dafür liegen in unserer Hand.

Written by Waldemar