Die Kunst, immer nur das Schlechte zu sehen

Was ist es, dass viele Menschen insbesondere das Negative sehen lässt? Geprägt von negativen Ereignissen fällt es ihnen schwer, das Augenmerk auf das Positive zu richten. Je mehr sie sich auf die vermeintlich negativen Seiten des Lebens konzentrieren, desto überwältigender scheinen diese negativen Seiten in ihrem Leben aufzutreten. Einmal der Illusion erlegen, dass sich alles und jeder auf dieser Welt gegen einen gewandt hat, kann es schwierig sein, sich selbst aus dieser Negativspirale herauszuziehen.

Ich pendle regelmäßig zwischen Faszination und Traurigkeit umher, wenn ich den Worten mancher Pessimisten lausche. Auf der einen Seite bin ich beeindruckt, wie verzerrt die eigene Wahrnehmung sein kann. Auf der anderen Seite kann ich nicht anders als mit ihnen mitzufühlen, da sich ihr Leben wie ein Leben voller Gefahren und Probleme für sie darstellt.

 Die ganze Welt ist total böse und hat sich gegen mich verschworen

Wie oft habe ich schon eine Beschwerde darüber gehört, dass die Bahn zu spät kommt. Ein Lob für die hohe Pünktlichkeitsquote öffentlicher Verkehrsmittel in Deutschland kriegt dagegen kaum jemand über die Lippen. Wie oft habe ich schon eine Beschwerde darüber gehört, dass es „natürlich genau dann immer anfängt zu regnen, wenn ich nach draußen gehe.“ Dass die zwanzig Male davor strahlender Sonnenschein war, als die Person das Haus verlassen hat, ist natürlich schon längst vergessen – und wurde nie mit auch nur einem Wort erwähnt. Wie oft habe ich schon eine Beschwerde darüber gehört, dass alle „Ampeln für uns natürlich wieder wie immer rot sind.“ Die unzähligen Male, bei denen die Ampelschaltung eher zu unseren Gunsten ausfiel, blieben hingegen sowohl unbemerkt als auch unerwähnt. Wie oft habe ich schon eine Beschwerde darüber gehört, dass „hier ständig Baustellen“ sind. Dass wir dafür in einem Land mit einem sehr gut ausgebautem Straßennetz und wunderbar befahrbaren Straßen leben dürfen, ist dann natürlich irrelevant.

Die glücklichen Pessimisten! Welche Freude empfinden sie, sooft sie bewiesen haben, dass es keine Freude gibt.– Marie von Ebner-Eschenbach

Diese Gewohnheit verankert sich mit der Zeit fest in unserem Verhaltensrepertoire. Noch dazu färbt sie sich sehr schnell und äußerst eindrucksvoll auf die Mitmenschen ab. Wenn jemand ständig von einer vermeintlich feindlichen Welt schwadroniert, dann wird er diesen Gedanken auch recht bald in seinen Mitmenschen einpflanzen. Es ist schwierig, dieses Verhalten wieder abzulegen, wenn man es sich einmal zur Gewohnheit gemacht hat. Nichtsdestotrotz ist es möglich.

Dafür ist meine totale Aufmerksamkeit erforderlich. Um etwas an diesem Verhalten zu verändern, brauche ich zuallererst das Bewusstsein dafür, dass es sich hier um eine verzerrte Wahrnehmung handelt. Dann kann ich damit beginnen, meine Aussagen und Gedankengänge zu hinterfragen. Jedes Mal, wenn es sich für mich anfühlt, als hätte sich gerade die Welt gegen mich verschworen, kann ich mir selbst mit kritischen Fragen zeigen, dass das alles eigentlich ziemlich normal ist. „Sind heute wirklich alle Ampeln rot oder habe ich die 10 grünen vorher ignoriert?“ – „Kommt die Bahn wirklich immer zu spät oder war sie 10 Male zuvor auf die Minute pünktlich?“

Wenn wir anfangen, uns diese Fragen zu stellen, dann bemerken wir auch, dass die Welt uns wohl gesonnen ist. Keine Verschwörung. Keine „ist doch alles Kacke“-Stimmung.

Sei nett zur Welt und sie zeigt dir ihre schönen Seiten

Sobald wir damit begonnen haben, unsere pessimistische Weltsicht regelmäßig zu hinterfragen und unsere eigenen Gedanken auf den Prüfstand zu stellen, öffnet sich für uns eine komplett neue Welt. Der Weg dahin ist nicht leicht, keine Frage. So mancher wird bemerken, dass pessimistische Denkweisen bis in den tiefsten Kern ihres Verstandes verwurzelt sind.

An den Pessimismus gewöhnt man sich zuletzt wie an ein zu enges Sakko, das sich nicht mehr ändern lässt.– André Gide

Wenn wir unser ganzes Leben lang immer das Negative gesehen haben – sei es, weil wir tatsächlich in der Jugend Zeuge von erschütternden Ereignissen wurden oder uns unsere Umgebung entsprechende Gedankengänge einpflanzte – werden wir das nicht von heute auf morgen ablegen können. Stecken wir hier genug Zeit rein, dann sind wir zur Veränderung fähig. Jede Gewohnheit lässt sich mit einer neuen Gewohnheit überlagern. Jedes Mal, wenn ich wieder meinen pessimistischen Moment habe, kann ich mir in Gedanken sagen „Stop, stimmt das, was ich gerade denke, wirklich? Ich stelle es auf den Prüfstand!“.

Die pessimistischen Phasen werden mit diesem Vorgehen seltener und seltener vorkommen. Irgendwann verschwinden sie dann ganz. Sie machen den Weg frei für einen Verstand, der nun das Positive in der Welt erblicken kann. Ein positiver Verstand hält Ausschau nach den schönen Dingen und lässt dich das Leben letztendlich wieder unbeschwert und voller Energie genießen – und Möglichkeiten erkennen, die du sonst niemals mit deiner schwarz gefärbten Pessimistenbrille gesehen hättest.

Written by Waldemar