Mitch Albom – Dienstags bei Morrie

Letzte Woche hat mir meine Mitbewohnerin dieses Buch in die Hand gedrückt. Es habe ihr sehr gefallen und zum Nachdenken angeregt – zum Nachdenken über das, was wir in unserem Leben tun. Ich will ehrlich sein. Für gewöhnlich gehe ich Buchempfehlungen selten nach, wenn es sich nicht um Sachbücher handelt. Der Text auf dem Buchrücken hat mich dann aber doch überzeugt. Ein bisschen erinnerte es mich an „5 Dinge, die Sterbende bereuen“ von Bronnie Ware. Schon mal vorweg: Ja, es hat mir dann auch tatsächlich gefallen 🙂

Morrie Schwartz, ein Soziologie-Professor, wird mit ALS diagnostiziert. Er hat nur noch wenige Monate zu leben. Um seine Erfahrungen und Erkenntnisse mit den Menschen teilen zu können, tritt er in einer Fernsehsendung auf. Durch Zufall entdeckt ihn einer seiner alten Studenten Mitch Albom. Mitch beschließt daraufhin, seinen alten Professor anzurufen. Bei dem Gespräch lädt ihn der Professor ein, ihn am Dienstag besuchen zu kommen. Nach diesem ersten Besuch einigen sich die beiden darauf, dass Mitch regelmäßig dienstags beim Professor vorbeischaut, damit dieser ihm von seinen Erkenntnissen auf seinem Weg zum Tod teilhaben lassen kann. Der Professor Morrie Schwartz gibt ein letztes Seminar für seinen Studenten Mitch Albom – Thema: Das Leben.

Jagen wir den falschen Dingen hinterher?

Mitch Albom ist ein angesehener Sportreporter. Einige prägende Ereignisse in seinem Leben haben dazu geführt, dass er immer versucht, seine Ziele und Träume so schnell wie möglich zu erreichen. Dabei scheint er ein gehetztes Leben zu führen, in dem er häufig Dinge parallel tun muss, um seinen „Verpflichtungen“ nachkommen zu können. Als Sportreporter ist er ständig von Menschen umgeben, die scheinbar alles haben – er bewegt sich in einer Welt, in der Statussymbole und Reichtum Erfolg symbolisieren. Morrie Schwartz kommentiert die Eigenart, immer der nächsten materiellen Errungenschaft nachzujagen, mit den folgenden Worten:

Die Menschen haben keinen Sinn in ihrem Leben gefunden, deshalb rennen sie die ganz Zeit rastlos herum und halten danach Ausschau. Sie denken, das nächste Auto, das nächste Haus, der nächste Job. Dann entdecken sie, dass alle diese Dinge leer sind, und sie rennen weiter.

Gerade in kapitalistischen Gesellschaften ist Geld häufig die Messeinheit für Erfolg. Leute versuchen sich gegenseitig mit ihrem materiellen Besitz zu beeindrucken. Wer fährt das bessere Auto, wer hat das schönere Haus, das coolere Handy. Gerade in Mitch Alboms Welt ist es üblich, andere beeindrucken zu wollen. Er äußert dazu die folgende Erkenntnis:

Wenn du versuchst anzugeben, um die Leute an der Spitze zu beeindrucken, dann vergiss es. Sie werden sowieso auf dich herabschauen. Und wenn du versuchst, die Leute, die unter dir stehen, zu beeindrucken, dann vergiss es. Sie werden dich nur beneiden. Gesellschaftlicher Status wird dich nicht weiterbringen. Nur ein offenes Herz wird es dir ermöglichen, wirklich Kontakt zu anderen Menschen zu finden.

Wenn Menschen sterben, passiert etwas Spannendes. Sie sind in der Lage dazu, einen Schritt zurückzutreten und für ihr eigenes Leben zu evaluieren, was wirklich wichtig für sie ist. Die unwichtigen Dinge des Lebens rücken für sie dann schlagartig in den Hintergrund. Sterbende Menschen erkennen dann, dass die Beziehungen zu anderen Menschen einer der wichtigsten Grundpfeiler des Lebens ist, der in der heutigen hektischen Welt zu sehr vernachlässigt wird.

So viele Menschen laufen herum,die ein sinnloses Leben führen. Sie scheinen ständig im Halbschlaf zu sein, selbst dann, wenn sie damit beschäftigt sind,Dinge zu tun, die sie für wichtig halten. Das liegt daran, dass sie den falschen Dingen hinterherjagen. Der Weg, dein Leben sinnvoll zu gestalten, besteht darin, dich liebevollen Mitmenschen zu widmen und der Gemeinschaft um dich herum, und dich darauf zu konzentrieren, etwas zu schaffen, was dir eine Richtung und eine Bedeutung gibt.

Schaffe etwas, was deinem Leben Sinn und Bedeutung gibt

Materielle Reichtümer zu begehren ist ein häufig auftretendes Symptom unserer kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Wir denken, dass es uns glücklicher macht, wenn wir viele materielle Reichtümer anhäufen. Tatsächlich macht uns das höchstens für sehr kurze Momente glücklich. Wahre innere Zufriedenheit entsteht dann, wenn wir unserem Leben einen Sinn und eine Bedeutung geben. Sich mit anderen Menschen zu verbinden – auch anderen Menschen zu helfen, die deiner Hilfe bedürfen – schafft ein Gefühl der Zufriedenheit, die kein materieller Reichtum jemals bringen kann.

Widme dich liebevoll anderen Menschen, widme dich der Gemeinschaft, die dich umgibt, und bemühe dich, etwas zu schaffen, das deinem Leben Sinn und Bedeutung gibt.

Wie wichtig wäre uns noch, dass wir die nächste Beförderung bekommen, wenn wir heute erführen, dass wir nur noch sechs Monate zu leben haben. Würde uns dann noch beschäftigen, dass der Nachbar schlecht über uns redet? Wären wir dann so sehr darauf bedacht, uns endlich den „Traumkörper“ anzutrainieren, nach dem wir immer gelechzt haben? Oder wären wir eher darauf bedacht, die Träume und Ziele in Angriff zu nehmen – uns mit den Menschen und Personen zu umgeben – die bisher vielleicht zu kurz gekommen sind? Würde uns vielleicht der Gedanke durch den Kopf schießen: „Man, hätte ich damals doch nur ein bisschen mehr Mut gehabt und die Janine einfach mal gefragt, ob sie mit mir ausgehen will.“ Oder doch eher ein „Was hat mich damals eigentlich davon abgehalten, mein Glück als Musiker zu versuchen? Ich hätte es schaffen können. Stattdessen bin ich dieser langweilige Anwalt geworden, der immer den sicheren Weg geht“?

In unserer Kultur werden die Menschen nicht ermutigt, über solche Dinge (Anm.: wirklich wichtige Dinge des Lebens) nachzudenken, bis wir dem Ende wirklich nahe sind. Wir sind so beschäftigt mit unserem täglichen Kleinkram: Karriere, Familie, genügend Geld zu haben, die Hypothek abzuzahlen, ein neues Auto zu kaufen, die Heizung zu reparieren. Wir sind mit Millionen von kleinen Dingen beschäftigt, nur um weiterzuleben. Deshalb sind wir nicht gewohnt, einen Schritt zurückzutreten, uns unser Leben anzuschauen und zu fragen: Ist das alles? Ist das alles, was ich will? Oder fehlt irgendwas?

Über das Sterben

Viele von uns tun Tag für Tag Dinge, von denen wir denken, dass wir sie tun müssen, weil wir keine Wahl haben. Es wird so viel Wert auf immaterielle Dinge gelegt. Wir vergessen, dass wir alle Teil eines großen Ganzen sind. Und so oft denken wir „ich sollte es eigentlich anders machen…“ – nur um es dann doch nicht anders zu machen. Wenn wir wüssten, dass wir sterben würden – wirklich emotional und nicht nur rein rational – dann würden wir unser Leben noch einmal neu begutachten und vielleicht erkennen, dass wir einige Dinge verdammt falsch machen.

Jeder weiß, dass er sterben wird, aber niemand glaubt es. Wenn wir es täten, würden wir die Dinge anders machen....

Wenn wir das Leben, die Welt, alles Schöne und Gute als Selbstverständlichkeit nehmen, dann verlieren wir auch die Wertschätzung dafür. Wenn du erfährst, dass du bald sterben wirst, wird die schlagartig klar, dass jede Sekunde kostbar ist, jede Sekunde beherbergt etwas Wundervolles in ihr.

Die Wahrheit ist, wenn du lernst, wie man stirbt, dann lernst du, wie man lebt.

Wir tun Dinge, von denen wir denken, wir müssten sie tun

Das Handy in der linken Hand, die Kippe und den Kaffee in der rechten. Von einem Ort zum nächsten hetzend. Irgendwie anwesend, aber auch eigentlich nicht. Passend zum Schlafwandeln süchtig nach passiver Berieselung – jede Zerstreuung immer freudig glucksend in Anspruch nehmend. Dass wir die Wahl haben zu entscheiden, wie unser Leben aussieht, wissen viele von uns einfach nicht mehr.

Die meisten von uns laufen wie Schlafwandler durch die Gegend. Wir kosten das Leben nicht aus, weil wir ständig im Halbschlaf sind und Dinge tun, von denen wir glauben, wir müssten sie tun.

Eine kleine Geschichte

Morrie hat von einer kleinen Geschichte gehört, die ihm sehr gut gefällt. Sie zaubert ihm ein Lächeln auf das Gesicht. Eine kleine Erinnerung daran, dass wir alle ein Teil eines großen Ganzen sind. Wir sind nicht allein, auch wenn dieses Gefühl manchmal entstehen kann.

In der Geschichte geht es um eine kleine Welle, die auf der Oberfläche des Ozeans entlang hüpft und unglaublich viel Spaß hat. Sie genießt den Wind und die frische Luft, bis sie bemerkt, dass vor ihr noch andere Wellen sind, die alle an der Küste zerschellen. 'Mein Gott, das ist ja schrecklich', sagte die Welle. 'Wenn ich mir vorstelle, was mir passieren wird! '
Da kommt eine andere Welle vorbei. Sie sieht die erste Welle, die grimmig dreinschaut, und fragt: 'Warum siehst du so traurig aus?' Die erste Welle sagt. 'Du verstehst überhaupt nichts, was los ist! Wir werden allesamt an der Küste zerschellen! Wir, alle Wellen, werden nicht mehr sein! Ist das nicht schrecklich? '
Die zweite Welle sagt:'Nein, du verstehst nicht. Du bist nicht eine Welle, du bist ein Teil des Ozeans.
Written by Waldemar