Du – Ein Produkt deiner Umgebung?

Dankbarkeit für das, was wir haben. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in denen der Großteil der Menschen finanziell solide aufgestellt ist. Die Rede ist hier nicht von Millionären, sondern von einem gesunden Mittelstand, der sein tägliches Leben mit seinen finanziellen Mitteln gut bestreiten kann. Entsprechend wenig bin ich in meiner Jugend mit Begriffen wie Arbeitslosigkeit und Perspektivenlosigkeit in Berührung gekommen. Als Kind oder Jugendlicher habe ich niemals darüber nachgedacht, dass dieser Zustand etwas Gutes ist – ich hatte schließlich keinen Vergleichswert.

Nachdem es mich über zwei Zwischenstationen im Ruhrgebiet nun nach Berlin verschlagen hat, kann ich nun besser beurteilen, was für ein Glück ich in meiner Kindheit hatte. Deine Umgebung hat einen großen Einfluss auf deine Wahrnehmung der Welt. Ich hatte das Glück mit der Sicherheit aufzuwachsen, dass immer genug Geld zur Verfügung steht. Entsprechend bin ich auch mit der Gewissheit groß geworden, dass ich Zeit meines Lebens niemals Geldprobleme haben würde. Ich hatte schließlich nie welche, warum dann also damit anfangen.

Deine Wahrnehmung der Welt schafft die Welt um dich herum

Heute kann ich von mir behaupten, auf sehr solidem finanziellen Boden zu stehen. Je länger ich hier in Berlin wohne, desto mehr merke ich, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Schulden zu haben ist hier keine Seltenheit. Mit der Zahlung der Miete in Verzug zu geraten passiert wesentlich mehr Menschen, als ich für möglich gehalten hätte (Geld für Gras ist aber komischerweise immer da ;-}). Der Übergang in das Berufsleben stellt für viele Menschen hier eine furchteinflößende Hürde dar. Nicht erst einmal sind die Gesprächsthemen bei einem heiteren Partyabend in eine Richtung gewandert, die berufsbedingte Zukunftsängste offenbarten.

Was du bist hängt von drei Faktoren ab: Was du geerbt hast, was deine Umgebung aus dir machte und was du in freier Wahl aus deiner Umgebung und deinem Erbe gemacht hast. – Aldous Huxley

Die ersten Male hat mich das noch überrascht. Ich bin in meinem Leben früher selten in solche Gespräche geraten, weil mein Umfeld sich nicht mit solchen Problem konfrontiert sah – hier war eher der Konsens, dass uns eine sichere Zukunft bevorsteht, was sich auch in den meisten Fällen bewahrheitet hat. Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen der Welt sein können. Vor allen Dingen Menschen, die aus Ländern mit einem sehr hohen Arbeitslosenanteil nach Deutschland ziehen, scheinen hier genau mit diesen Vorstellungen zu leben, dass es eine Herkulesarbeit sei, einen Job zu finden. Hand auf’s Herz, für manche Berufszweige und Branchen mag das gelten. Das Ding ist nur, dass genau diese Erwartungshaltung oftmals zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich mich mit einer Freundin über meinen Umzug nach Berlin unterhielt. Sie beglückwünschte mich erst und wollte wissen, ob es schwierig gewesen sei, hier an einen Job zu kommen. Als ich ihr dann erzählte, dass ich ohne Job und ohne Studienplatz hierher gekommen bin, dachte sie erst, ich wollte sie verarschen. Der Eindruck verstärkte sich noch mehr, als ich ihr erklärte, dass mich das Finden eines Jobs einen Nachmittag gekostet hat – ein Nachmittag, in der ich zwei Bewerbungen schrieb. Während ich ihre Reaktion nicht verstanden habe, hat sie nicht verstanden, wie ich die Welt sah. Sie fand es krass, dass ich mich so auf mein Glück verließ. Irgendwann dämmerte mir, dass sie mit einer ganz anderen Geisteshaltung groß geworden war – dass sie eine ganz andere Vorstellung der Selbstverständlichkeit eines Jobs hatte. Im Nachhinein betrachtet muss ich immer noch schmunzeln. Ich habe vor meinem Umzug nicht eine einzige Sekunde darüber nachgedacht, ob ich hier überhaupt einen Job bekommen würde – für mich war einfach klar, dass es klappen würde, weil alle Zeichen in meinem Leben schon immer daraufhin gedeutet hatten, dass ich schon irgendwie meinen Scheiß geregelt bekomme.

Wir sollten niemals vergessen dankbar für die Geschenke zu sein, die uns für unsere Lebensreise mitgegeben wurden

Vergiss niemals die Macht, die deine Umgebung auf dich ausüben kann. Vergiss niemals, dass dein soziales Umfeld in wesentlichem Maße beeinflusst, wie du die Welt wahrnimmst und was du für möglich hältst. Vergiss niemals, dass es da draußen viele Menschen gibt, die in einem destruktiven Umfeld aufgewachsen sind. Sie haben nie gelernt, was es heißt, mit einer positiven Grundhaltung durch das Leben zu schreiten. Ihr Leben ließ ihnen schlicht keinen Anlass dazu anzunehmen, dass sich die Dinge zu ihrem Vorteil entwickeln. Ich selbst muss mich oft genug ermahnen, mein eigenes Weltbild nicht auf andere Menschen überstülpen zu wollen. Sie haben andere Erfahrungen in ihrem Leben gemacht, andere Dinge gesehen und erlebt. Das, was sie als Wahrheit der Welt wahrnehmen, kann für mich der totale Humbug sein – gleichzeitig aber für sie Sinn ergeben.

Wir müssen nicht jedes Weltbild und jede „Brille“ anderer Menschen gut finden. Wir können nichtsdestotrotz Verständnis dafür zeigen, dass sie dieses Weltbild haben. Es macht für sie Sinn. Im gleichen Moment sollten wir dankbar dafür sein, wenn wir als Kind in einem konstruktiven Umfeld aufwachsen sind.

Written by Waldemar