Vielleicht beim nächsten Mal – Über nie gelebte Fantasien

Die Zeit des Jahres ist wieder gekommen. Mäntel und Jacken werden abgelegt. Lange Hosen werden nur noch angezogen, wenn etwas versteckt oder ein Hauch Professionalität gewahrt werden soll. Dafür wird der Platz für Röcke, kurze Hosen und luftige Schuhe freigemacht. Die ersten Sonnenstrahlen kündigen die bevorstehende warme Phase des Jahres an.

Nicht wenige erwachen erst im Frühling so richtig zum Leben. Während sie sich im Winter von ihren mühsam gesammelten Vorräten ernähren und ihren Energielevel auf das absolute Minimum herunterfahren, werden sie auf einmal wach. Mancher schaut sich voller Entsetzen seine angefutterte Wampe an: „Kacke, das letzte Ben & Jerry’s nach den Nachos und der Coke Zero war vielleicht nicht die beste Entscheidung.“ – nur um sich dann dazu zu entscheiden, sich im Sommer nicht ein einziges Mal oberkörperfrei zu präsentieren, es aber im nächsten Jahr ganz bestimmt anders zu machen.

Die Auswirkungen des Frühlings

Der Zocker entscheidet sich dafür, nur noch in Boxershorts zu zocken. Der Workaholic entscheidet sich dafür,  ab 18 Uhr nur noch mit geschlossener Jalousie zu arbeiten. Die Couch Potato entscheidet sich dafür, nur noch mit geöffneten Fenster fernzusehen. Kinder entscheiden sich dafür, nach draußen zu gehen, um dort auf ihr Handy zu schauen. Die Raucher sind froh, dass sie nicht mehr während ihrer 5-minütigen Raucherpause in eisiger Kälte sieben Tode sterben.

Mit den gestiegenen Temperaturen steigt auch die Laune. Ein feines Näschen erahnt an so mancher Ecke das brutzelnde Fleisch eines Grills. Wir werden aktiver, nehmen das andere Geschlecht bewusster wahr. Wo Jacken und Mäntel vor kurzem noch versteckten, was Frauen und Männer interessant finden könnten, ist nun freie Sicht. Der eine schnuppert, der andere sabbert. Die eine freut sich, dass sie endlich ihren trainierten Körper wieder zeigen kann. Die andere schämt sich und zwängt sich das ganze Jahr über in lange Kleidung, um ihre vermeintlichen Problemstellen zu verdecken.

In all dieser gesteigerten Aktivität wächst auch das Interesse, dem anderen Geschlecht näher zu kommen. Frühlingsgefühle werden wach. Frauen senden in freudiger Erwartungshaltung Signale. Was machen die Männer? Oft genug starren sie nur. Starren und verharren. Niemand hat ihnen beigebracht, was überhaupt zu tun ist. Sie schwelgen in Tagträumereien darüber, was sein könnte, hätte gewesen sein können, wenn sie sich denn nur trauten. Wer weiß, wie oft sie schon die Frau ihres Lebens getroffen hätten, wenn sie denn nur… Ja, was denn eigentlich? Wenn sie denn nur den ersten Schritt wagten? Einmal ‚hallo‘ sagten? Einmal nicht der Passivität frönten, stattdessen aktiv handelten – und damit eine Brücke errichteten, mit deren Hilfe sich zwei Menschen näher kommen, die sich sonst vielleicht niemals kennengelernt hätten.

Nie ergriffene Chancen

Aber so vergeht auch diese Chance. Er blickt nur hinterher und stellt sich vor, was gewesen wäre. Ein einfaches ‚hallo‘ hätte eine Tür öffnen können, hinter der so manche Überraschung ihrer Enthüllung harrt. Vielleicht hätte sie ihn abgewiesen. Vielleicht hätte sie ihn aber auch lächelnd zurückgegrüßt und ein nettes Gespräch wäre entstanden. Vielleicht hätten sich danach ihre Wege getrennt. Vielleicht wären sie aber auch einen Kaffee trinken gegangen oder hätten Nummern getauscht, um später einen Kaffee trinken zu gehen. Vielleicht hätten sie bei diesem Kaffee festgestellt, dass sie doch nicht zueinander passen. Vielleicht hätten sie aber auch gemerkt, dass sie denselben scheißbehindertenkack Humor haben. Vielleicht hätten sie sich nach diesem Treffen ein weiteres Mal getroffen, wären sich noch näher gekommen und eine wunderbare Liebesbeziehung wäre entstanden.

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende. – Demokrit

Das alles aber wird er nie erfahren. Er blickt nur hinterher. Ihr sanfter Parfümgeruch kitzelt ihm noch in der Nase. Die durch ihre Anwesenheit ausgelöste Gänsehaut spürt er noch in seiner Haut. Zweifel schreien noch in seinem Kopf. Worst Case Szenarien penetrieren noch sein Gehirn. Und sie geht weiter. Es kribbelt in ihr. Wenn er doch nur gekommen wäre, er war genau ihr Typ. Langsamer wird ihr Schritt, eine letzte klitzekleine Hoffnung hält sich tapfer in ihr – eine Hoffnung, dass er sich doch noch traut. Diese letzte Hoffnung stirbt, als sie in die Bahn einsteigt. Eine Chance, die nie ergriffen wurde. Ein Abenteuer, das nie angegangen wurde. Eine Welt, die nie betreten wurde.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht

So liegen sie beide abends im Bett. Ihr Gedankenkarussel lässt sie nicht mehr runter. „Beim nächsten Mal vielleicht“ schießt es ihnen durch den Kopf. In dieser Nacht werden sie von einem alternativen Szenario träumen, in dem sie beide mutiger sind und sich dadurch kennenlernten.

Vielleicht lässt du aus deinem „vielleicht beim nächsten Mal“ ein „vielleicht genau jetzt“ werden – und staunst vielleicht, was alles möglich. Ob du aus diesem „vielleicht“ ein „ganz bestimmt“ werden lässt und die Initiative ergreifst, kann darüber entscheiden, wie dein restliches Leben ablaufen wird. Du möchtest lieber abends alleine im Bett liegen? Dann ist dieser Text hier nichts für dich.

Wann hattest du das letzte Mal den Mut, über deinen Schatten zu springen und einfach ‚hallo‘ zu sagen? 🙂

Written by Waldemar