Wie Großstädte zum Nährboden für Drogen werden

Unsere Hauptstadt ist ein verrücktes Fleckchen. Ich selbst bin recht behütet in einer recht kleinen Stadt aufgewachsen. Für mein Studium zog es mich dann nach Dortmund, die nächst gelegene „größere“ Stadt. Ich erkannte, dass ich es gerne noch eine Nummer größer hätte. Dortmund hatte für mich schon viel zu bieten, nur eben auch nicht alles. So landete ich in Berlin. Wer schon einmal in Berlin war, der weiß, dass hier andere Gesetze herrschen – beziehungsweise auch gerne gar keine Gesetze. Anfangs sind das natürlich eine Menge neue Sinneseindrücke. Überall Menschen, überall was los. Egal zu welcher Uhrzeit du etwas unternehmen willst, es lässt sich prinzipiell immer jemand finden, der mit dir mitzieht.

Ich liebe die Möglichkeiten, die von dieser Stadt geboten werden. Je mehr Zeit ich hier verbringe, desto mehr wird mir allerdings auch eine Sache bewusst: Viele sind einen Großteil der Zeit von anderen Menschen umgeben und doch allein. Mit wachsender Größe einer Stadt wächst auch ihr Grad an Anonymisierung. Wo du in einem kleinen Dörfchen jeden grüßt, weil du weißt, dass du ihm schon morgen wieder über den Weg laufen könntest, verhalten sich diese Dinge in einer Großstadt anders. Die Chancen stehen gut, dass du die Person, mit der du gerade über die Sinnlosigkeit von Sandalen schwadroniert hast, niemals in deinem Leben wiedersehen wirst. Das gibt dir die Möglichkeit, einen feuchten Pfifferling auf seine Meinung zu geben, weil er dich und dein Leben vermutlich nicht beeinflussen wird. Gleichzeitig kann es dich aber auch in Versuchung bringen, dich in Interaktionen mit Menschen immer nur an der Oberfläche aufzuhalten, statt einmal in die Tiefe zu steigen.

Wen kümmert es schon, was die anderen sagen

Durch die Größe einer solchen Stadt musst du auch nicht das Gerede deiner Nachbarn und Freunde fürchten. Wenn du dich ausleben willst, so findest du schnell Leute und Umgebungen, in denen du das tun kannst. Im Grunde stehen dir alle Möglichkeiten offen. Allerdings hat die Medaille zwei Seiten. Wo die Angst, dass Menschen über uns urteilen könnten, nicht anwesend ist, da fehlt auch häufig die eigene Zurückhaltung vor Dingen, die wir später bereuen werden. Nur mal „ausprobieren“ ist leicht gesagt. Den Fuß, mit dem du schon im Drogen- und Alkoholsumpf drin steckst und halb versinkst, wieder herauszuziehen, ist dann aber ungleich schwerer. Und so leben wir vor uns hin.

Dieses Abdriften in den Drogen- oder Alkoholsumpf scheint mir in vielen Fällen mit dem Umstand im Zusammenhang zu stehen, dass sich die Menschen nach echter Verbundenheit sehnen. Durch die Anonymisierung in Großstädten fehlen vielen Menschen die tief schürfenden, viele Jahre anhaltenden festen Verbindungen mit Menschen, die ihnen wichtig sind. Und wer keine Menschen in seinem Leben hat, mit denen er sich verbunden fühlt, der versucht eben Mittel und Wege zu finden, um diesen Mangel zu kompensieren. Alkohol oder Drogen bieten dabei einen provisorisch Wunder bewirkenden Mechanismus, mit dem es Menschen leichter fällt, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten und die Art der Verbundenheit zu bekommen, nach der sie sich so sehr sehnen.

So lange wir Drogen nehmen, können wir beste Freunde sein

Kurzfristig bekommen sie auf die Art sogar, was sie möchten. Es ist erstaunlich, was für Verbindungen zwischen Menschen entstehen können, wenn sie gemeinsam Drogen nehmen, ihr Bewusstsein erweitern, verbotene Dinge tun. Langfristig rächt sich dieses Vorgehen. Die allgemeine Lebensqualität nimmt ab. Um dieses Gefühl der Verbundenheit mit Menschen erzeugen zu können, werden immer höhere Dosierungen der Substanzen notwendig. Irgendwann dann sind sie überhaupt nicht mehr in der Lage, auf „natürliche“ Art und Weise mit ihrem Leben zurechtzukommen. Die Aussicht auf den nächsten Rausch wird zum Mittelpunkt des Lebens. Der einzig mögliche Fokus liegt auf dieser Sache. Alle anderen Dinge verschwimmen im farblosen grau, werden uninteressant, sind nur Mittel zum Zweck, um das endgültige Ziel – den Rausch – wieder in Griffweite zu haben.

Um die einmal erworbene Sucht wieder loswerden zu können, wird es nicht reichen, einfach nur stark genug zu „wollen“. Diese Sucht ist nicht ohne Grund entstanden. Sie konnte nur deswegen entstehen, weil sie einem Zweck diente. Der Person mangelte es an etwas, das durch den Drogenkonsum auf welche Weise auch immer befriedigt werden konnte. Möchten wir uns nun dieser Sucht entledigen, so tun wir gut daran, zuerst herauszufinden, welchem Zweck diese Sucht überhaupt diente. Wollten wir einfach nur anderen Menschen nahe sein, einfach nur mal mutig sein, uns einfach mal akzeptiert fühlen in einer Welt, die uns manchmal Akzeptanz zu verwehren scheint? Erst wenn wir diesen Zweck gefunden haben, können wir eine Alternative für unsere Sucht finden.

Lasst uns helfen statt zu urteilen

Ich finde es schade, wie schnell über drogenkonsumierende Menschen geurteilt wird. Ich finde es schade, dass viele von uns eher schockiert die Nase rümpfen, statt diesen versunkenen Personen helfend die Hand zu reichen. Ich finde es schade, dass wir schneller bereit sind zu urteilen als zu helfen. Wenn du jemanden kennst, der im Sumpf zu versinken droht, dann sei derjenige, der helfend die Hand reicht – sei derjenige, der so stark ist, dass er hilft, statt zu urteilen.

Wer weiß schon, ob wir nicht mal selbst in einer solchen Situation landen.

Written by Waldemar