Das Facebook- und Instagramparadoxon

Als kleine Warnung vorweg: Dieser Beitrag wird vermutlich anecken. Heute möchte ich über ein allgegenwärtiges Thema sprechen: Facebook und Instagram. Sie wurden vom Teufel persönlich entwickelt!!! Okay, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Nichtsdestotrotz lässt sich nicht leugnen, dass Facebook und Instagram erheblichen Einfluss auf uns nehmen können, sowohl in positiver wie auch in negativer Form.

Da für mich das Glas aber immer halb voll ist, möchte ich das Licht insbesondere auf die negativen Auswirkungen von Facebook und Instagram werfen. Ich gerissener Hund.

 Kaum noch aus dem Alltag wegzudenken

Sie haben Einzug in unser aller Leben gefunden. Heute gelten junge Menschen ohne Facebook-Account als einsame Exoten, mit denen irgendetwas nicht stimmen kann. Wieso sonst sollte der Mensch sich vor der Möglichkeit einer Plattform verschließen, auf der er  auf einfache Art mit seinen Freunden in Kontakt treten kann, gleichzeitig über Veranstaltungen und Neuigkeiten informiert wird? Facebook ist aus unserem Leben kaum noch wegzudenken.

Manche benutzen es nur als Plattform, um die Neuigkeiten aus dem Leben ihrer Freunde zu erfahren. Wieder andere nutzen es, um mit ihren Freunden über Nachrichten in Kontakt treten zu können. Eine dritte Fraktion interessiert sich nur für erheiternde Katzenvideos und den üblichen Internetblödsinn. Einige nutzen Facebook für all diese Zwecke. Einmal angefangen in der Timeline zu scrollen, sind wir schnell gefangen in den Wirrungen und Irrungen des Facebookwahnsinns.

Ich selbst nutze auch Facebook, weil ich eine Funktionalität davon nicht missen möchte: die Übersicht aktueller Veranstaltungen. Bisher habe ich noch keine Möglichkeit gefunden, um auf ähnlich effektive Weise darüber informiert zu werden, was es bei mir in der Gegend für interessante Veranstaltungen gibt.

Ein Fruchtboden für Selbstdarsteller

Über eine ganz bestimmte Gruppe der Facebook-Benutzer möchte ich heute schreiben. Diese Gruppe ist die Gruppe der Selbstdarsteller. Ihr Ziel ist es, über Facebook ihr eigenes Leben ins bestmögliche Licht zu rücken. Wir alle kennen sie aus dem eigenen Bekanntenkreis. Bei jeder Gelegenheit wird das Handy gezückt. Keine Speise wird gegessen, ohne vorher 17 Fotos davon mit dem Handy gemacht zu haben. Keine Aktivität wird genossen, ohne vorher Fotos dafür geschossen zu haben. Zum Teil kann ich ein solches Verhalten verstehen. Es gibt genügend Leute, die gerne Fotos schießen – und schöne Fotos zu schießen ist einfacher, wenn man schöne Dinge fotografiert. Die meisten dieser Selbstdarsteller gehören allerdings nicht zur Gruppe der Leute, die eine Leidenschaft für Fotografie haben. Sie wollen schlicht und ergreifend, dass die ganz Welt sieht, was für ein tolles Leben sie führen.

Das wäre an sich kein Problem, wenn wir Menschen nicht so seltsam gestrickt wären, dass wir den Garten des Nachbarn immer als grüner betrachten. Es fällt uns verdammt schwer zu abstrahieren, welche dieser Fotos und Videos tatsächlich Teil eines bestimmten Lifestyles sind und welche davon bewusst für die Außenwelt in Szene gesetzt wurden. Die Grenze ist fließend. Das eine vom anderen zu unterscheiden bereitet uns Probleme.

Mehr Schein als Sein

Wir sehen nur dieses Bild unseres Nachbarn, der gerade mit seiner Freundin am Strand auf Hawaii liegt. Alles sieht perfekt aus. Der Strand. Die Cocktails neben ihnen. Die Bäume im Hintergrund. Das Meer. Sogar die Menschen um sie herum spiegeln das perfekt wider. Wir sehen aber womöglich nicht, dass die beiden sich die meiste Zeit ihres Urlaubs gestritten haben. Wir sehen aber womöglich nicht, dass beide schon die Sekunden zählen, bis sie endlich wieder nach Hause können. Wir sehen aber womöglich nicht, dass der Mann überhaupt nicht auf Hawaii Urlaub machen wollte, sondern jetzt viel lieber mit seinen besten Freunden in den Skiurlaub wollte, sich seiner Freundin zu Liebe zu einem Hawaii-Urlaub entschieden hat. Wir sehen aber womöglich nicht, dass sich einer von beiden schon dazu entschieden hat, dass er sich vom anderen trennen möchte.

Alles, was wir sehen, ist dieses eine Bild. Dieses eine Bild besitzt die Macht, in uns das Gefühl zu wecken, wir selbst würden ein langweiliges Leben leben, weil wir gerade nicht an einem Strand liegen. Nur die wenigsten laden Fotos von Dingen hoch, die sie als langweilig empfinden. Die meisten Fotos, die wir mit unseren Mitmenschen teilen, zeigen irgendetwas Besonderes, das wir unternommen oder erlebt haben. Und so schauen wir auf unsere Facebook-Timeline. Wir sehen nur tolle Fotos, während wir selbst gerade einen eher ereignisarmen Tag durchlebt haben.

Für uns ist es nicht einfach, uns von diesem Gedanken zu lösen. Unser Gehirn kann hier unheimlich selektiv werden. Wir sind nicht in der Lage, in solchen Momenten simple Mathematik anzuwenden. Für uns stellt es sich nur so dar, als würde jeder gerade die Zeit seines Lebens erleben. Wenn wir uns aber mal einen Moment nehmen würden, um eine simple Rechnung anzustellen, wie viele Freunde wir auf Facebook insgesamt haben, wie viele Fotos tatsächlich gerade von unseren Facebook-„Freunden“ hochgeladen werden und was das auf die einzelne Person heruntergebrochen bedeutet, dann würden wir bemerken, dass zwischen uns und ihnen gar nicht mal so große Kluften klaffen.

Noch dazu stelle ich vermehrt die Tendenz fest, dass diese extreme Selbstdarstellung auf Facebook meistens von Personen praktiziert wird, deren Leben gar nicht mal aufregend ist, wie es auf Fotos erscheinen mag. Je mehr ich dort hinter die Fassade blicke, desto stärker wird dieser Eindruck. Zu oft habe ich schon erlebt, wie in „speziellen“ Momenten Menschen irgendwelche ewig irgendwelche Fotos schießen müssen, statt den Moment mit seinen Freunden zu genießen und dankbar für ihn zu sein. Da hat man dann 100 Fotos vom Feuerwerk und nicht eine Sekunde selbst davon mit eigenen Augen ohne Display gesehen – und das Schönste eigentlich verpasst.

Schaut mich an, ich habe so viel Spaß!

Ich erinnere mich an einen Moment zurück, an dem ich mit einem Freund bei einem Festival in erster Reihe stand, weil wir einen unserer Lieblings-DJs aus nächster Nähe sehen wollte. Fantastische Musik. Ausgelassene Stimmung. Der Bass der Boxen pulsierte durch unsere Körper, wir konnten förmlich spüren, wie das Lied seine Wirkung in uns entfaltete. Direkt neben uns stand ein Mädchen, das irgendwann sein Handy zückte. Natürlich dachten wir uns nichts dabei. Schließlich hatten wir alle unsere Fotos geschossen und Videos gedreht, es war immerhin ein geiles Set, das wir alle festhalten wollten. An der Stelle hörte es allerdings nicht auf. Sie schoss Fotos…und noch mehr Fotos…und noch mehr Fotos…und drehte Videos…und noch mehr Videos…und noch mehr Videos. Ich rede hier nicht von einem Prozess, der 2-3 Minuten angedauert hat. Nein. Dieses Mädchen stand da in erster Reihe und hatte nichts Besseres zu tun, als eine Ewigkeit lang nur Selfie-Videos von sich zu drehen und diese im Anschluss dann vermutlich allen aus ihrem Freundeskreis zu schicken. Mein Freund und ich konnten uns kaum noch halten vor Lachen, weil das alles dermaßen aufgesetzt wirkte. Man könnte förmlich spüren, wie wenig Spaß dieses Mädchen hatte. Zwischen den Videos – wenn das Fakelächeln und Gute-Laune-Posen verebbte – ließ sich ihre tatsächliche Laune sehr deutlich erkennen. Ich bin mir aber sicher, dass zumindest eines ihrer Videos so gut geworden ist, dass einer ihrer Freunde zuhause dachte: „Man, so viel Spaß wie die hätte ich heute auch gerne!“

Dieser ganze Wahn gipfelt in der Plattform Instagram. Was bei Facebook noch meiner bescheidenen Einschätzung nach einigermaßen im Rahmen abläuft, ist auf Instagram noch viel extremer ausgeprägt. Da wird ein Like nach dem nächsten gejagt, jeder soll sehen, wie geil dein Leben ist. Wenn man die Leute persönlich kennt, bringt es einen umso mehr zum Schmunzeln, wenn man einen Realitäts-Instagram-Abgleich machen kann. Das, was wir da sehen, ist selten das, was wirklich gelebt wird. Jemand hat mal gesagt:  Egal wie geil dein Leben gerade ist, irgendein Internetheld wäre in der Lage einen noch krasseren Instagramfilter drüber zu legen und dein Leben dabei lächerlich aussehen zu lassen. Ich musste schmunzeln. Selten hat eine Aussage für mich den Kern der Sache so gut getroffen.

Wenn das Foto wichtiger als das Erlebnis wird

Irgendwann las ich mal von einem interessanten Gedankenexperiment von Daniel Kahneman in seinem Buch „Schnelles Denken – Langsames Denken“. Eine simple Frage: Würdest du auch dann verreisen, wenn du dich sowohl  hinterher an nichts erinnern könntest als auch alle Fotos gelöscht würden? Eine erschreckende Anzahl an Leuten würde es nicht tun. Die Erinnerung ist dabei aber nur eine Sache. Sie nicht zu haben könnten wir sicher verkraften. Aber ohne Fotos kein Beweis – und ohne Beweis haben wir nichts zum Erzählen.

Nun lässt sich sicher darüber streiten, warum das so ist. Sicherlich schießen wir gerne Fotos, um sie uns hinterher selbst ansehen zu können. Jedes Mal, wenn wir uns ein Foto anblicken, fühlen wir uns ein kleines bisschen in jene Zeit zurückversetzt. Das Foto dient in diesem Fall als Anker. Gefühle, Erinnerungen, Gedanken von damals werden in uns wachgerufen. Das hier bietet wohl einen Teil der Erklärung. Der andere Teil der Erklärung liegt meiner Einschätzung nach in der Tatsache, dass Menschen gerne einen Beweis haben. „Ich war da und da, hier guck, das Foto. Ich war wirklich da, war super!“ Mit Fotos lässt sich leichter beeinflussen, welches Bild von uns wir nach außen hin transportieren. Das nimmt teilweise so extreme Züge an, dass die Leute Fotos zu schießen nicht mehr als netten Zusatz betrachten, während der Hauptzweck die Tätigkeit an sich ist. Nein, mittlerweile ist es so weit gekommen, dass der Foto bei vielen Menschen zum Ziel selbst wird. Da wird einer Tätigkeit nachgegangen, um hinterher das Foto zeigen zu können, bei dem man der Tätigkeit nachgegangen ist – scheißegal, ob man nun überhaupt Lust auf die Tätigkeit hatte oder nicht.

Nicht alles ist Gold, was glänzt. Es lohnt sich, hin und wieder hinter die Fassade der Facebook- und Instagramprofile zu schauen. Das sollten wir nie vergessen. Natürlich ist das manchmal schwer. Nichtsdestotrotz lohnt es sich. Bilder sind nun mal, was sie sind – schlicht und ergreifend Bilder. Zwischen Bild und Realität können förmlich Welten liegen. Das zu verstehen, kann uns eine Menge Kummer ersparen.

Written by Waldemar