Warum wir uns nicht vom Fernseher in unserer Komfortzone festhalten lassen sollten

Ein Freund hat mich mal vor einer Weile gefragt, ob ich schon mal Werbung für Porsche oder Ferrari im TV gesehen hab. Nö, ist einfach die falsche Zielgruppe. Menschen, die sich so etwas leisten können, leben ein etwas interessanteres Leben und da gehört sicher nicht das Fernsehen zum festen Bestandteil des Tages. Fand ich interessant. Je mehr ich über dieses Gespräch nachdachte, desto stärker fing es an mir zu dämmern. Da ist verdammt noch mal was dran.

Das Fernsehen ist ein verrücktes Konzept. Denke ich einmal intensiv darüber nach, kann ich nicht anders als zu schmunzeln. Ein Großteil des Fernsehprogramms ist auf dem Konzept aufgebaut, dass du anderen Menschen dabei zusiehst, wie sie ihr Leben leben. Ich wiederhole noch einmal: Du siehst anderen Menschen dabei zu, wie sie ihr Leben leben. Ist das nicht total Banane? Statt dein eigenes Leben zu leben, schaust du anderen Menschen dabei zu, wie sie ihr Leben leben.

Fernsehen als Ersatzbefriedigung

Natürlich wird das nicht das Leben irgendwelcher Menschen gezeigt, sondern das Leben von Menschen, die ein spannendes Leben haben. Das macht das gesamte Konzept schon etwas verständlicher. Wir schauen also interessanten Menschen dabei zu, wie sie ein interessantes Leben leben. Okay. Was passiert für gewöhnlich in den Momenten, in denen wir anderen Menschen beim Leben zuschauen? Wir befinden uns in einer passiven Position – statt selbst zu handeln, schauen wir zu. Auch bis hierhin alles tuttifrutti. Die Dosis macht schließlich das Gift.

Lassen wir das allerdings zu unserer Gewohnheit werden, die mehrmals pro Woche abläuft, dann begeben wir uns auf dunklen Pfad. Wenn wir uns immer die Möglichkeit einräumen, anderen Menschen bei ihrem spannenden Leben zuzusehen, während unser eigenes Leben öde ist, dann ziehen wir daraus unsere Ersatzbefriedigung. Es fühlt sich ein bisschen an, als würden wir selbst dieses spannende Leben leben, aber eigentlich sitzen wir nur mit der Hand in der Hosentasche vor dem Fernseher. Je öfter wir das tun, desto mehr sinkt auch unsere Motivation, unser eigenes Leben weiter voranzutreiben.

Den medialen Einfluss verringern

Ich wurde mittlerweile schon häufiger gefragt, wie ich es schaffe, abends zeitig ins Bett zu gehen und morgens so früh aufzustehen. Die Antwort ist erstaunlich simpel: Das kann jeder. Nimm den Menschen ihren Fernseher weg, schalt ihren Datenverkehr auf dem Handy aus, kapp das W-Lan und warte. Pure Verzweiflung wird bei den Menschen eintreten. Ohne Internet? Oh mein Gott, ohne Handy? Oh mein Gott. Kein Fernseher? Was mache ich dann? Diese Frage amüsiert mich immer wieder auf’s Neue, führt sie uns doch die Absurdität unserer heutigen Gesellschaft vor Augen. Die meisten von uns sind nicht in der Lage, einen ganzen Tag – geschweige denn länger – ohne Fernseher, Internet und Handy auszuhalten.

Die Menschen haben es früher auch irgendwie gebacken bekommen. Das waren keine Übermenschen, sondern Leute wie du und ich. Mach gerne den Selbsttest. Zwei Stunden abends vor dem Schlafen kein Fernsehen, kein Handy, kein sinnloses Surfen am Laptop. Staune, wie leicht du es zeitig ins Bett schaffst. Staune, wie du innerhalb kürzester Zeit einschläfst. Staune über die Qualität deines Schlafes. Vielleicht liest du noch ein Buch vorher und lässt dich davon inspirieren.

Langeweile kann etwas Gutes sein

Es ist bemerkenswert, zu was wir in der Lage sind, wenn wir uns mal häufiger in die „Langeweile“ zwingen, uns also nicht passiv von irgendwas beschallen lassen. Unser Geist wird verblüffend kreativ, wenn wir ihm genug Raum zum Atmen lassen. Auf einmal siehst du dich Dinge tun, die du zuvor niemals in deinem Leben getan hättest, weil du Besseres zu tun hattest wie z.B. – naja, fernsehen.

Um das noch einmal in aller Deutlichkeit klarzustellen: Ich will dir nicht ausreden, dass du dir auch mal einen spannenden Film ansehen kannst. Ich will auch nicht darauf hinaus, dass fernsehen immer schlecht ist. Dosiert kann ein guter Film sicherlich auch inspirierend sein. Ich finde nur die Tendenz erschreckend, dass die Leute fernsehen als Ersatz für das Leben des eigenen Lebens benutzen.

Setzt man kleine Kinder in einen fast leeren Raum, so werden sie eine Möglichkeit finden, sich mit dem, was sie haben, in der Zwischenzeit zu beschäftigen. Ein Blatt Papier, ein Spielzeugauto, ein Stift – das alles kann unheimlich interessant sein, wenn die eigene Fantasie involviert wird. Langeweile kann als treibende Kraft für unsere Kreativität wirken. Sie zwingt uns in einen Zustand, in dem wir uns selbst zuhören, auf unsere eigene innere Stimme.

Die Angst vor der Ruhe

Für viele Menschen scheint dieser Gedanke unheimlich zu sein. Nicht ohne Grund wird jeder Moment der Ruhe heute von den meisten Menschen gemieden wie der Teufel das Weihwasser meidet. Fernseher, Kopfhörer, Handys, Laptops. Die Möglichkeiten, den Draht zu unserer eigenen inneren Stimme zu kappen, sind schier unbegrenzt.

Vielen Menschen missfällt die Idee der Meditation. Sie können sich nicht vorstellen, wie sie „einfach nur da sitzen und nichts tun“. Alleine bei dem Gedanken daran wird ihnen schon mulmig. Sie können sich nicht vorstellen, alleine mit sich selbst zu sein. Dann sind sie nämlich in einer Situation, in der sie ihre eigene Stimme nicht mehr übertönen können. Das kann für manche Menschen beinahe quälend sein. Gerade für diese Menschen bringt es die größten Vorteile, sich häufiger mal von allen Einflüssen „abzukoppeln“ und wieder eine Verbindung zu sich selbst herzustellen.

Anderen beim Leben zusehen oder selber leben? Die Entscheidung liegt bei dir.

Written by Waldemar