Wenn die Worte das Herz treffen

Das erste Mal, dass ich mir einen Poetry Slam angesehen habe. Spannend. Der eine schwadroniert über das Fettsein, der nächste über die allgegenwärtige Fremdenfeindlichkeit, der nächste über den großen Poeten, der den Wikipedia-Eintrag zum Begriff „Anus“ verfasste. Dem Poeten, der es sich mit der Beharrlichkeit eines Großmeisters zur Aufgabe gemacht hat, ein wunderschönes Anus-Foto, welches seinen Sinn für Ästhetik voll zu treffen scheint, wieder und wieder hochzuladen – ganz gleich, wie oft Wikipedia es auch noch löschen mag.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Sich mal einen Poetry Slam anzusehen ist etwas, was ich jedem Buchliebhaber ans Herz legen kann. Eine Erfahrung wert ist es allemal. Handelt es sich um einen guten Poetry Slam, dann werdet ihr auch gut was zu lachen haben. Es wird allerdings nicht nur gelacht. Manche Themen sind auch ernst. Sie regen zum Nachdenken an – oder zumindest sollen sie das. Ein Vortrag ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Behandelt wurde darin das sensible Thema der Depression. Mein initiativer Gedanke bewegte sich irgendwo zwischen „Ufff, neee…“ und „Kacke, wo kriege ich jetzt ein Bier?“.

Eine Erinnerung an alte Zeiten

Der Vortrag war dann auf eine erfrischende Art inspirierend für mich. Aus jedem Wort der Poetry Slammerin konnte ich hören, dass sie aus eigener Erfahrung sprach. Ich konnte heraushören, dass es ihr eine Herzensangelegenheit war, über dieses Thema zu sprechen. Zum Teil war dieser Eindruck sicherlich auch ihrem schauspielerischen Talent geschuldet. Der Vortrag brachte mich zum Grübeln. Er versetzte mich kurzweilig zurück in die Zeit, als ich mich jeden Morgen beim Aufwachen fühlte, als hätte mich jemand nachts mit einem Baseballschläger verprügelt. Keine schöne Zeit.

Einige Denkprozesse wurden an diesem Abend in mir ausgelöst. Ich dachte über die Zeiten nach, in denen ich mich miserabel fühlte. Das liegt nun gerade einmal zwei Jahre zurück. Zeiten, in denen ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. Dann verglich ich diese Zeiten mit meiner derzeitigen Situation. Welten liegen dazwischen. So eine Phase wie jetzt hatte ich nie zuvor in meinem Leben. Voller Energie, voller Motivation. Wenn ich mich versuche zu erinnern, wann ich mal schlecht drauf war, brauche ich eine Ewigkeit, bis mir eine Situation einfällt. Zwei Jahre, die zwischen einem miserablen Lebensgefühl und einem überragenden Lebensgefühl liegen.

Dankbarkeit für das, was wir haben, anstelle von Frust für das, was wir nicht haben

Dieser Vortrag erinnerte mich daran, was ich heute habe. Er erinnerte mich daran, wie glücklich ich mich schätzen kann. Ich gebe zu, selten hat mich ein Vortrag emotional dermaßen berührt. 2-3 Tränen habe ich dabei sogar rausgedrückt. Als Mann gibt es wohl kaum ein besseres Zeichen dafür, dass er emotional berührt ist, als das. Was mich verblüffte, war meine Reaktion nach dem Poetry Slam. Ein Bekannter war auch anwesend und fragte mich hinterher, wie ich es gefunden habe, speziell den Auftritt über die „Depression“. Meine Antwort – „War ganz gut.“

„Ganz gut?“ Was soll das „ganz“ überhaupt bedeuten? War es nun gut oder scheiße? Ein kleiner Tritt gegen das Bein meines eigenen Selbstwertgefühls. Es war mir in diesem Moment unangenehm zu erläutern, wie sehr es mich bewegt hat. Vor einer anderen Person hätte ich womöglich erklärt, warum mich dieser Vortrag so berührt hat. Wie dem auch sei. Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich mich selbst manchmal nicht von diesem Bild des Mannes lösen kann, der seine Gefühle nicht in der Öffentlichkeit in Form von Tränen zeigt.

Alles in allem bleibt dieser Abend sehr positiv in meiner Erinnerung. Er hat mich an überwundene Zeiten erinnert. Auch hat er mich daran erinnert, dass es vielen Menschen da draußen schlecht geht. Das mögen sie nicht unbedingt nach außen tragen, doch hinter der Fassade ist häufig ein Häufchen Elend begraben. All diese Menschen haben mein tiefes Mitgefühl. Mögen sie tapfer sein und diese schwere Zeit durchstehen. Am Ende dieses Tunnels wartet das Licht auf sie. Ich hoffe, dass sie das verstehen. Und ich hoffe, dass bald schon mehr Menschen verstehen werden, dass eine Depression nicht einfach nur Traurigkeit ist – dass man sich nicht so ohne Weiteres von ihr lösen kann.

 

Written by Waldemar