Warum wir jeden Tag lügen und wieso es manchmal sinnvoll ist

Neulich bin ich auf ein Video gestoßen, das ich als äußerst interessant empfand. Es ging darum, wie man einen Lügner erkennen kann. Das ist an sich schon interessant. Dabei ist mir eine Information des Videos ganz besonders in Erinnerung geblieben: Wenn wir einen neuen Menschen kennenlernen, lügen wir im Schnitt in den ersten 10 Minuten 3 Mal. Mein erster Impuls war, dass diese Zahl völlig übertrieben ist. Als ich dann allerdings eingängiger darüber nachdachte, schien sie mir immer plausibler. Ich ließ meine letzten Begegnungen mit anderen Menschen Revue passieren. Dabei überlegte ich, worüber ich im Gespräch mit Fremden gelogen hatte. Vor allen Dingen dachte ich darüber nach, warum ich in welchen Situationen log.

In der Retrospektive wurde mir klar, dass ich unter anderem auch log, um mich in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Die Verlockung ist groß. Du triffst auf einen Fremdem. Er kennt dich und dein Leben nicht. Im Prinzip könntest du ihm alles erzählen. Die Wahrscheinlichkeit wäre groß, dass er dir das meiste von dem, was du ihm erzählst, tatsächlich glaubt. Eine Möglichkeit, einmal das Rampenlicht zu bekommen, welches du sonst nie bekommst. Eine Möglichkeit, dich neu zu definieren, auch wenn es auf einer Lüge basiert. Eine Möglichkeit, einmal zu erfahren, wie es sich anfühlt, von jemand anderes für die Person gehalten zu werden, die man gerne wäre. Akzeptanz erlangt, gleichzeitig die eigene Integrität geopfert. Schöne Scheiße.

Wann und warum lügen wir?

Nun sind die Beweggründe, warum wir andere anlügen, beileibe nicht immer nur darin zu suchen, dass wir Bestätigung möchten. Bei manchen Themen gebietet es die Höflichkeit, nicht immer ehrlich zu sein. Fragt mich ein flüchtig Bekannter oder gar ein Fremder, wie es mir geht, werde ich ihm vermutlich nicht mein ganzes Herz ausschütten. Stattdessen würde ich eher ein „ganz gut und selbst?“ raushauen, denn er kennt mich und mein Leben nicht – warum ihm also unnötig Details aus meinem Leben aufbürden? Besonders im beruflichen Kontext können wir schlicht und ergreifend nicht immer ehrlich sein. So viel zu einigen der Situationen, in denen Lügen angebracht sein können.

Häufig ist es nicht einfach, zu unterscheiden, ob eine Lüge angebracht ist. In den meisten Fällen spüren wir allerdings intuitiv, ob eine Lüge in einer Situation notwendig ist. Viele von uns haben im Laufe ihres Lebens gelernt, ihr Bauchgefühl gekonnt zu ignorieren. Wir lügen teilweise auch dann, wenn es nicht angebracht ist, um den Weg des höheren Widerstandes zu vermeiden. Lügen können uns manchmal unangenehme Situationen auf kurze Sicht ersparen. Sie schaffen uns auf lange Sicht gesehen dafür umso unangenehmere Situationen, wenn wir aus den falschen Gründen gelogen haben. Dabei ist auch erstaunlich, wie sehr wir unsere Lügen für uns rationalisieren können. Die passenden Gründe dafür zu finden, warum wir gelogen haben, fällt uns erstaunlich einfach. Für eine Lüge gibt es hierbei immer zwei Gründe: einen vorgeschobenen und einen tatsächlichen.

Manchmal wissen wir selbst nicht einmal, warum wir tun, was wir tun

Der vorgeschobene Grund ist dabei der idealisierte Grund, warum wir etwas tun. Wenn uns jemand fragt, warum wir etwas getan haben, dann ist dies der Grund, den wir nennen werden. Den tatsächlichen Grund hingegen verschweigen wir. Teilweise ist der tatsächliche Grund für uns selbst manchmal sogar nicht greifbar. Er ist irgendwo verborgen im Unbewussten. Je unreflektierter wir selbst sind, desto schwieriger fällt es uns, diesen Grund ausfindig zu machen. Manchmal sind tatsächlicher und idealisierter Grund auch deckungsgleich, in den meisten Fällen jedoch trifft das nicht zu. Um das Ganze ein bisschen klarer zu machen, schauen wir uns folgendes Szenario an:

Grimmelbert ist ein 28-jähriger Arzt. Sein Leben lang wurde ihm von seinen Eltern – beide Ärzte – eingetrichtert, dass er auch Arzt werden sollte, denn Ärzte verdienen gutes Geld und sind sehr angesehen. Anfangs sträubte sichGrimmelbert innerlich. Früh hatte er Gefallen an der Philosophie gefunden. Nichts erschien ihm so aufregend und spannend, wie ein Philosophiestudium in Angriff zu nehmen. Doch Philosophie war der Meinung seiner Eltern nach eine brotlose Kunst. Es missfiel ihm, einen Weg einzuschlagen, weil seine Eltern „das so wollten“. Er wollte sein eigener Herr sein.

Lies run sprints but the truth runs marathons – Michael Jackson

Mit der Zeit merkte er aber, dass es einfacher war, sich dem Willen der Eltern zu fügen und den Weg des geringeren Widerstandes zu gehen. So wurde er dann irgendwann Arzt. Der Wunsch, Philosophie zu studieren, hat ihn nie verlassen. Grimmelbert ist Arzt, weil er sich von seinen Eltern hat einreden lassen, dass es ein prestigeträchtiger und Geld einbringender Beruf ist. Fragt ihn heute jemand, warum er Arzt geworden ist, wird er eine andere Geschichte erzählen. Sie könnte so ähnlich lauten wie: „Ich wollte schon immer Menschen helfen. Als ich klein war, habe ich gesehen, wie ein Mensch auf der Straße zusammengebrochen ist und ihm keiner helfen konnte. Seitdem…blablabla“. Natürlich gibt es Menschen, die genau wegen solcher Gründe Ärzte geworden ist. Bei ihnen stimmen tatsächlicher und idealisierter Grund überein.  So einer ist Grimmelbert nicht. Bei ihm existiert eine Diskrepanz zwischen tatsächlichem und idealisiertem Grund. Vielleicht wird er es sogar schaffen, sich im Laufe seines Lebens den idealisierten Grund so lange als Wahrheit einzutrichtern, bis er ihn selber glaubt. Der tatsächliche Grund wird dann in sein Unterbewusstes sickern. Irgendwann ist ihm dann selbst nicht einmal mehr klar, warum er ursprünglich Arzt geworden ist. Ist es jetzt eine Lüge, wenn Grimmelbert den idealisierten Grund nennt, wenn ihn jemand fragt, warum er Arzt geworden ist? Wenn ja – trifft das auch zu für den Fall, dass er den tatsächlichen Grund selber nicht mehr kennt…weil er für ihn in seinem Bewusstsein schlicht und ergreifend nicht mehr verfügbar ist?

Eine Frage, die erstaunliche Erkenntnisse bringen kann

Was ich mit diesem Exkurs klar machen möchte, ist, dass das Thema alles andere als trivial ist. Es mag passieren, dass wir selbst nicht erkennen, wenn wir lügen. Genauso gut können wir uns eine Lüge su lange einreden, bis sie für uns zur Wahrheit wird, und vielleicht würden wir unsere Hand sogar für diese Wahrheit ins Feuer legen – wahr ist sie deswegen trotzdem nicht.

Kommen wir zu dem, was mir auf dem Herzen liegt – zu dem, was ich mit diesem Text ausdrücken wollte. Wir können nicht vermeiden, hin und wieder zu lügen. Das ist meine Realität. Gerne kannst du mir widersprechen. Nichtsdestotrotz ist es uns möglich, unser eigenes Bewusstsein zu schärfen. Wir können uns in Achtsamkeit üben, um zu bemerken, wenn wir gerade lügen. Dann können wir uns fragen: „Warum habe ich gerade gelogen?“ Wenn wir keinen offensichtlichen Grund finden, dann ist es an uns, tiefer zu graben. Je tiefer wir graben müssen, desto wahrscheinlicher ist es, dass es hier um ein Thema geht, welches uns in unserem Leben maßgeblich beeinflusst. Schwindeln wir immer, wenn uns jemand nach unserer Partnerin, unseren Hobbys, unseren Leidenschaften oder weiß der Geier was fragt, dann ist es an der Zeit, zu erforschen, warum das so ist.

Die Antwort auf diese Frage kann eine Lawine ins Rollen bringen. Wir müssen sie nur stellen.

 

Written by Waldemar