Einfach mal die Initiative ergreifen

Pi mal Daumen 15 Jahre, plus Minus 2-3 vielleicht. So viel Zeit hat es für mich gebraucht, um von „Gitarre spielen hat schon was, ich würde das auch gerne können“ zu meinem tatsächlichen Entschluss zu gelangen, diese Sache jetzt endlich anzugehen. 15 Jahre, in denen ich mir jedes Mal, wenn jemand etwas auf der Gitarre spielte, dachte: „Geiler Scheiß. Das sieht aus, als würde das total viel Spaß machen. Vielleicht bringe ich mir das auch mal bei.“ Irgendwann war ich meiner eigenen Tatenlosigkeit überdrüssig. Klar, ein paar Hürden stellen sich schon. Welche Gitarre soll es werden, was für eine dunkle Magie wende ich an, um das Ding zu stimmen, wie lerne ich am besten meinen ersten Song? Fragen, Fragen, Fragen…

Ja, Fragen zu stellen ist gut, aber den ersten Schritt zu machen ist das, worauf es letztendlich ankommt. Der Rest ergibt sich schon irgendwie. Dieser erste Schritt, diese erste Überwindung aller Widerstände. Lasst uns mal ehrlich zueinander sein. Wie viele Hobbys, Themen, Vorsätze hatten wir schon in unserem Leben, die wir mal „irgendwann“ ausprobieren wollten, weil wir sie spannend finden – und es dann doch nie angegangen haben? So viele Möglichkeiten, sich selbst besser kennenzulernen. Wir haben heute alle Möglichkeiten der Welt für uns. Wann hast du das letzte Mal etwas Neues versucht? Wann hast du dich das letzte Mal in unbekannte Gefilde begeben – dich selbst einer Situation ausgesetzt, die aufgrund ihrer Neuartigkeit sich im ersten Moment unangenehm, aber doch herrlich prickelnd spannend anfühlte?

Der graue Alltag und seine Tücken

Es ist verdammt einfach, sich in den monotonen Strudel des Alltagslebens zu begeben. Es ist verdammt einfach, sich selbst einzureden, dass der Tag „schon irgendwann mal“ kommen wird, an dem wir diese eine Sache anpacken. Es ist verdammt einfach, sich selbst einzureden, man habe nicht die Zeit für etwas Neues. Ob es wohl für uns auch so verdammt einfach ist, unser Leben samt all seiner nicht ergriffenen Möglichkeiten Revue passieren zu lassen, wenn wir erst einmal alt sind? Glauben wir uns selbst dann auch noch all den Schwachsinn, den für uns unser Leben lang als unumstößliche Wahrheit verkauft haben? Ich wage es zu bezweifeln.

Wir sind dafür geschaffen worden, neugierig unbekannte Dinge zu erforschen, zu entdecken, niemals das Kind in uns zu verlieren. Nicht ohne Grund hat die Evolution dafür gesorgt, dass unser Gehirn beim Lernen allerhand Glückshormone  in unserem Körper freisetzt. Dir Wunsch nach Wachstum ist uns immanent. Viele von uns vergessen das im Laufe ihres Lebens. Viele von uns sind irgendwann der Ansicht, schon für das Leben alles gelernt zu haben, was sie lernen „müssen“. Viele von uns sterben im Alter von 25 Jahren und werden nicht beerdigt, ehe sie verbittert mit 85 Jahren ihren letzten Atemzug genommen haben.

Wenn der Haufen Scheiße auf das „aber“ folgt

Am Ende können nur wir die Entscheidung treffen, ob wir wachsen wollen oder stehenbleiben wollen. Wir können uns dazu entscheiden, unsere Neugier von all dem Schutt zu befreien, den wir über die Jahre hinweg auf sie geschüttet haben – damit sie wieder atmen kann, frei von allem Ballast, den wir ihr auferlegt haben. Wir können uns aber auch dazu entscheiden, den Status Quo als unüberwindbar anzusehen. „Ich würde ja, aber dies und das und der Haarschnitt von Günther Netzer und…“. Jep. Wir wissen, was nach dem großen „aber“ folgt – zumeist ein großer Haufen Scheiße, den wir uns als Gold verkaufen. Wie wäre es, wenn wir ihn mal aus unserem Wortschatz verbannen, wenn es um unser eigenes Wohlbefinden, unser eigenes Wachstum geht?

Unser Leben, unsere Entscheidungen. Kein Platz für ein „aber“.

Seit ich bewusster darauf achte, wie ich mich mit meinen „abers“ selbst sabotiere, ist mir mit erschreckender Klarheit klar geworden, wie oft ich Ausreden statt Taten sprechen lassen. Wahrscheinlich ist es ein Stück weit menschliche Natur. Es ist umso erstaunlicher, weil ich mich selbst schon als ziemlich produktive Person betrachte. Jedes Mal, wenn ich mich beim Suchen nach Ausreden ertappe, halte ich einen Moment inne. Moment. Was habe ich gerade gesagt? Dann lasse ich den Satz noch mal auf meiner Zunge zergehen. Oft genug wird mir dann erst die Lächerlichkeit der Ausrede bewusst.

Zeit unserem Verstand eine Chance zu geben

Hier beginnt der spannende Teil. Statt mich selbst mit meiner Ausrede davonkommen zu lassen, mache ich aus einem „, …aber das geht nicht wegen Pferdehufen“ ein „wie zum Teufel sorge ich dafür, dass es möglich wird?“ So bringe ich meinen Verstand in eine Position, aus der heraus er arbeiten kann. Statt seine kreativen Ideen mit einem „aber“ außer Gefecht zu setzen, gebe ich ihm etwas zu knabbern. Verstände knabbern gerne. Sie sind wie ganz kleine Mäuse. Total gerne knabbern sie an Fragen rum, wenn diese Fragen richtig formuliert sind. Ich bin immer wieder überrascht, mit was für Lösungen der Verstand zurückkehrt, wenn du ihm nicht all den Wind aus den Segeln nimmst.

Und so findet der Verstand einen Weg. Nehmen wir mal diesen Ausgangspunkt:

„Ich würde total gerne abnehmen, aber dann müsste ich nach der Arbeit etwas Gesundes kochen statt mir einen Döner zu holen und dazu fehlt mir die Zeit.“

Basteln wir mal kurz daran rum und machen den folgenden Satz daraus:

„Ich würde gerne abnehmen. Nach der Arbeit fehlt mir die Energie, um noch etwas Gesundes zu kochen. Das führt dazu, dass ich mir aus Bequemlichkeit einen Döner hole. Wie kriege ich das alles unter einen Hut, was kann ich tun, um abzunehmen?“

So. Jetzt stellen wir unseren Verstand nicht mehr vor vollendete Tatsachen. Stattdessen geben wir ihm die Möglichkeit, uns mit seiner einzigartigen Genialität zu überraschen. Nach vollendeter Arbeit kommt dein Verstand dann vielleicht mit der folgenden Liste zurück:

  • Nach der Arbeit fehlt mir tatsächlich die Energie. Ich komme jeden Morgen an einem Supermarkt vorbei, wo es gute frische Salate zu kaufen gibt. Vielleicht kann ich da einen kaufen und den dann nach der Arbeit essen.
  • Abends hänge ich gerne mal gelangweilt vor dem Fernseher. Ich könnte die Zeit nutzen, um mir etwas Gesundes für den nächsten Tag vorzukochen.
  • Womöglich ist das Problem mein niedriger Energielevel und nicht mangelnde Disziplin. Ich gehe immer sehr spät ins Bett. Wenn ich eine Stunde früher schlafen gehe, könnte ich den Tag über fitter sein. So fällt es mir nach der Arbeit leichter, mir etwas Gesundes zu kochen.
  • Vielleicht liegt das Problem tiefer. Ich fühle mich in der letzten Zeit auf der Arbeit unwohl und habe meine Zweifel, ob der Job wirklich zu mir passt. Das laugt mich auf die Dauer aus. Als Stressreaktion esse ich dann nach der Arbeit. Ist das die Lösung für alles, bin ich eigentlich „nur“ unzufrieden mit meiner Arbeit und sollte kündigen?

Das Problem an der Wurzel packen

Erstaunlich viele Ansatzpunkte. Ein Problem ist selten so eindimensional, wie es auf den ersten Blick erscheint. Auf 1000, die an den Blättern ziehen, kommt einer, der mal sein Glück an der Wurzel versucht und kräftig daran zieht. Manchmal sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wir versteifen uns dann auf ein vermeintliches Problem, das in Wahrheit nur das Symptom eines tieferliegenden Problems ist. Puhhh, das ist dann ein Thema für ein anderes Mal.

Wenn du dir aus diesem Text etwas mitnehmen willst, dann nimm das hier: Aus jedem „aber“ lässt sich ein „wie“ machen – hilf deinem Verstand dabei, dir zu helfen.

Written by Waldemar