Was war deine letzte gute Tat?

Mitgefühl ist eine komische Sache. Neulich war ich auf dem Weg zu meinem Sprachkurs, als mir aus der Entfernung auffiel, dass ein Mann regungslos am Boden lag. Schon von weitem konnte ich sehen, dass diese Tatsache den Menschen in nächster umgeben aufgefallen war. Ein paar schauten sich das aus sicherer Entfernung an, einer blieb kurz stehen, haderte dann mit sich und ging schließlich weiter. Ich kam also näher und näher. Je näher ich kam, desto mehr wurde mir bewusst, dass dieser Mann auf dem Boden keine Ruhepause einlegte. Ganz eindeutig brauchte er Hilfe.

Gleichzeitig spürte ich, wie sich ein Widerspruch in mir aufbaute. Ein Teil in mir sammelte eifrig Ausreden, warum ich jetzt weitergehen sollte, ohne mich zu vergewissern, dass es dem Mann gut geht. „Ich bin gerade auf dem Weg zum Sprachkurs. Wenn ich jetzt helfe, komme ich zu spät.“ – „Irgendwer wird schon Zeit haben und stehen bleiben, um ihm zu helfen.“ – „Wenn er ernsthafte Probleme hat, wird er schon um Hilfe rufen.“ Zusätzlich war ich sehr unsicher. Ich weiß nicht, wie ich in so einer Situation am besten vorgehen sollte. So kam ich immer näher. Ich war kurz davor weiterzugehen. Ich war kurz davor, meine eigene Unsicherheit entscheiden zu lassen, dass dieser Mann nicht die Hilfe bekommt, die jeder Mensch in so einer Situation verdient hat.

Die ansteckende Wirkung des Mitgefühls

Dann kam der Moment und ich blieb stehen. Etwas Spannendes passierte kurz darauf. Andere Menschen, die kurz zuvor noch aus der Entfernung die Situation beobachtet hatten, kamen dazu. Vorbeigehende Passanten erkundigten sich nach dem Wohlergehen. Die Menschen zeigten plötzlich Mitgefühl. Ich hatte das Gefühl, dass sie heilfroh waren, dass ich ihnen die Entscheidung abgenommen habe. Sie mussten sich nicht mehr dafür entscheiden, weiterzugehen und ein schlechtes Gewissen zu haben. Stattdessen konnten sie Mitgefühl zeigen, ohne selbst in der Position des „Handelnden“ zu sein.

Ein Stück weit hat mich diese Situation an ein Experiment erinnert, von dem ich gelesen habe. Unwissende Teilnehmer dieses Experimentes waren Theologiestudenten. Bei diesem Experiment sollten sie einen Vortrag über Nächstenliebe halten. Kurz vor ihrem Vortrag kamen sie an einem Mann, der sich vor Schmerzen krümmte, vorbei. Eine erstaunlich große Anzahl der Theologiestudenten blieb nicht stehen – obwohl sie im nächsten Augenblick einen Vortrag über Nächstenliebe halten würden.

Nichtsdestotrotz hat mir dieser Vorfall gezeigt, dass Menschen mitfühlend sind. Im Kern tragen wir diesen Wunsch in uns, anderen zu helfen, wenn wir es können. Leider lassen wir uns dabei von unseren eigenen Zweifeln und Ängsten häufig ausbremsen. Wir sind in der Lage, Gutes zu vollbringen. Wir sind allerdings auch in der Lage, die prekäre Situation eines Fremden zu ignorieren und uns den Rest des Tages mit Schuldgefühlen herumzuplagen.

Wir alle können etwas Gutes tun

Worauf möchte ich mit diesem Beitrag nun hinaus? Eine gute Frage. Das weiß ich selbst nicht so genau. Wenn dieser Beitrag eine Nachricht in sich trägt, dann ist es vermutlich diese: Wir sollten nicht wegschauen, wenn wir helfen können. Wer weiß, wann wir selbst mal in einer misslichen Lage landen, in der wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Heute lässt sich leicht sagen, dass uns das nicht passieren wird. Die Zukunft ist unberechenbar. Was uns heute noch als sicher erscheinen mag, wird in der Zukunft vielleicht gar nicht so sicher sein.

Vor einigen Wochen bin ich einer Facebook-Gruppe beigetreten. Voraussetzung für den Beitritt zu dieser Gruppe war diese Frage: Was war deine letzte gute Tat? Eine Antwort darauf zu finden fiel mir gar nicht so leicht. Das hat mich verblüfft. Die Frage könnten wir alle uns mal häufiger stellen. Sie hält uns die Augen für das offen, was wir anderen Menschen Gutes tun können.

Also: Was war deine letzte gute Tat?

Written by Waldemar