Wenn die Wartezeit dein größter Feind ist

Unruhe bricht aus. 18:12. „5 Minuten Verspätung“ verkündet das Display.  Die Menschen möchten nach Hause. Oh Gott, oh Gott. 5 Minuten später zuhause ankommen. Wie werden wir das nur aushalten? Unruhiges Fußgewippe. Instinktiv greifen Hände in die Hosentasche. Puhh, das rettende Handydisplay. Schnell drei mal durch die 28 neuen Gruppennachrichten auf WhatsApp gewischt und geschaut, wer das neue Instagrambild geliked hat. Ja, zwei neue Likes. Hochgefühl. Noch einmal durch WhatsApp scrollen, obwohl schon alle Nachrichten gelesen wurden. Vielleicht hat sich ja ein Profilbild geändert. Display sperren. Zurück in die Hosentasche. Blick auf das Display. Noch 3 Minuten. Hmm. Unruhiges Umherblicken. Ach ja, ich kann durch meinen Newsfeed scrollen…

Trump’s Berater kündigt. Hmm. Spannend. Display wieder sperren, zurück in die Hosentasche. Noch zwei Minuten. Mein Handy vibriert. Ja, endlich passiert was! Handy rausnehmen, entsperren. Falscher Alarm, Vibration nur eingebildet. Scheiße. Immer noch zwei Minuten. Nervös mit dem Fuß wippen. Ah, ich habe ja Kopfhörer dabei. Puhhh. Spotify an, Kopfhörer ins Ohr. Klangvolle Leere.

Die Rastlosigkeit der Menschen ist erstaunlich

Fühlst du dich ein kleines bisschen angesprochen? Fühlst du diese Rastlosigkeit in dir? Fühlst du diesen Drang in dir, der immer nach Beschäftigung sucht, sobald du in einer scheinbar statisch Situation verharrst? Dann dürfte es dir wie vielen gehen und – Hand auf’s Herz – so wie es mir auch lange Zeit lang ging. In einer Zeit der ständigen Verfügbarkeit und Beschäftigung wird Ruhe zu unserem größten Feind.

Es ist witzig von außen mit anzusehen. Ich bin häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Die letzten Male habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, andere Leute mal zu beobachten: Wie verhalten sie sich, wenn sie einsteigen? Was machen sie, wenn sie sich setzen? Was passiert, wenn die Person nicht alleine ist, sondern noch jemanden im Schlepptau hat? Was ich dabei feststellen konnte, hat mich gleichermaßen verblüfft wie belustigt.

Grob über den Daumen gepeilt lässt sich sagen, dass etwa ein Drittel der Leute von vornherein mit Kopfhörern unterwegs sind, um auf gar keinen Fall mit ihrer Außenwelt interagieren zu müssen. Von den übrig gebliebenen Leuten zückt die erdrückende Mehrheit innerhalb der ersten Momente, in denen sie zum Stillstand kommt, sich also hinsetzt oder an ihrer Stehposition angekommen ist, ihr Handy. Am lustigsten ist das Spektakel, wenn Personen, die gemeinsam unterwegs sind, im Kollektiv auf ihr eigenes Handy schauen, statt miteinander zu interagieren. Schaut euch das gerne mal an, das ist der Hammer. Wenn ich das nicht jeden Tag selbst beobachten könnte und wüsste, dass es Realität ist, würde ich das eher von einem dystopischen SciFi-Film erwarten.

Knipsen wir das Licht des Bewusstseins einfach wieder an?

In solchen Momenten frage ich mich, was genau uns so schwer fällt. Kommen wir nicht mit Ruhe aus, brauche wir immer irgendeine Art der Beschäftigung? Wenn wir uns in einer statischen Situation befinden, sind wir gezwungen, uns mit unseren Gedanken auseinanderzusetzen. Sind wir jetzt generell geneigt, Situationen zu vermeiden, in denen wir uns mit unseren eigenen Gedanken auseinandersetzen müssen, dann erwächst in mir der Verdacht, dass wir ein Problem mit unseren Gedanken haben.

Wir möchten uns nicht mit unseren Gedanken auseinandersetzen – zumindest viele von uns. Denn wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, merken wir vielleicht, was für „Problemherde“ wir aktuell im Leben haben. Das ist unangenehm. Statt diese Problemherde anzugehen, übertönen wir also unsere Gedanken. Wir schalten unser Licht des Bewusstseins aus. Stattdessen bevorzugen wir die Dunkelheit, in der wir uns sicher sein können, nicht von unseren Gedanken belästigt zu werden. Die Sache ist nur die: Im Dunkeln schläft es sich vielleicht besser, das Leben macht im Hellen aber viel mehr Spaß. Wie wir uns in Momenten der Ruhe verhalten, verrät erstaunlich viel über uns.

Licht oder Dunkelheit, das bleibt hier die Frage…

Written by Waldemar