Was ein Perspektivenwechsel bewirken kann

Weißt du, was ich über ihn denke – und Gott weiß, dieses Wort nehme ich so gut wie nie in den Mund – er ist ein …“ Dieser Satz klebt wie Kaugummi in meinem Gedächtnis. Als ich diese Worte sprach, hatte ich eine ganz klare Sichtweise in meinem Kopf, die meiner Meinung nach absolut gerechtfertigt war. Dass meine Perspektive die einzig annehmbare und nachvollziehbare Perspektive in dieser Angelegenheit war, schien mir so sicher wie das Amen in der Kirche. Dieser Abend hat mir gezeigt, dass richtig und falsch nicht immer so einfach grau und schwarz sind, wie wir das gerne hätten. An diesem Abend habe ich eine wichtige Lektion in meinem Leben gelernt: Egal wie überzeugt ich von meinem eigenen Standpunkt bin, ich sollte mir immer der Tatsache gewahr sein, dass ich falsch liegen könnte – dass die Tatsachen eben nicht so klar auf der Hand liegen, wie ich das annehme.

Wir saßen in einer gemütlichen Runde in einer Bar. Ein Thema reichte dem nächsten die Hand, ich glaube, wir redeten sogar über Snapchat und – bitte verprügele jemand denjenigen, der das Wort erfunden hat – über Fuckboys. Bis heute habe ich keinen blassen Dunst, was es mit all dem Krempel auf sich hat. Vermutlich ist das auch besser so. Wie dem auch sei, irgendwann kam das Gespräch zu einem Punkt, an dem wir über einen ehemaligen Professor von uns redeten. Er war einer dieser Professoren, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie einer anderen Profession hätten nachgehen sollen. Seine Studenten niederzumachen und bei jeder Gelegenheit auf ihre Unzulänglichkeiten hinzuweisen, gehörte zu seinen scheinbar liebsten Hobbys.

Urteile nie über jemanden, in dessen Schuhe du nicht einen Tag gelaufen bist

Ich selbst wurde nie Opfer seiner Attacken. Sie richteten sich insbesondere gegen muslimische Studenten. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich dazu berufen, in dieser gemütlichen Runde meine Meinung über diesen Professor preiszugeben. Statt zustimmendem Gegrunze wurde meine Aussage allerdings nur mit den Worten „Ich weiß nicht, ob dir das bewusst ist, seine Tochter wurde von einem Araber vergewaltigt und ermordet. Ich möchte nicht über ihn urteilen, weil ich nicht wüsste, was so ein Erlebnis für Auswirkungen auf mich hätte…“ quittiert. Bam. Zwei Sätze, die meine Perspektive 37 Mal im Kreis und dann hochkant über Kreuz drehte – oder so. Tja. Wenig gewusst, schnell geurteilt. Rechtfertigte dieser Umstand das Verhalten meines Professors? Vermutlich nicht.

Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, wie vorschnell wir manchmal urteilen. Insbesondere hat mir dieses Erlebnis auch wieder mal vor Augen geführt, dass Urteile zu fällen, ohne vorher Fragen zu den Hintergründen gestellt zu haben, häufig zu einem falschen Urteil führen kann. Häufig scheint uns die Wahrheit so klar zu sein. Sind wir mal ehrlich, müssen wir aber eingestehen, dass wir so verdammt oft falsch liegen. Vielleicht sollten wir alle uns immer die Möglichkeit einräumen, dass wir falsch liegen – egal wie bombenfest wir in dem Moment von unserer „Wahrheit“ überzeugt sind. Statt zu urteilen wäre uns häufig besser geholfen, wenn wir die richtigen Fragen stellen, statt davon auszugehen, die richtigen Antworten auf nie gestellte Fragen schon gefunden zu haben.

 

Written by Waldemar