Über die selbst geschaffenen Barrieren

Streck dich, reck dich. Diese eine Sache, die du schon so lange tun willst. So oft wolltest du schon beginnen. Du hast es aufgeschoben, wieder und wieder. „Nächste Woche Dienstag werde ich bestimmt besser drauf sein, da mache ich das!“ Ja ja, na klar. Nächste Woche Dienstag drückt der Schuh dann doch wieder woanders. „Morgen mache ich das dann aber auf alle Fälle, weil morgen ja Mittwoch ist und mittwochs ist immer ganz gut für so Sachen!!!“ 

Dann steht der Mittwoch vor deiner Tür. Er grinst und fragt dich, ob ihr jetzt endlich loslegen könnt. „Ahhhh“, entfährt es dir, „geht leider doch nicht. Gestern bin ich zu spät ins Bett gegangen, weil ich unbedingt wissen musste, wie die zwölftausendste Folge Game of Thrones ausgeht. Rate mal, was passiert ist. Einer ist gestorben! Ach ja, und ich muss mich noch für meine Präsentation in drei Tagen vorbereiten, also ist heute generell doof. Lass uns das doch nächste Woche machen.“

Und so wiederholen wir das bis in die Unendlichkeit. Dabei ist es keine große Sache. Das Problem ist nur: In uns schlummert ein bequemer Eichhörnchentigerbabyraptor. Was das ist? Gute Frage. Ich bin es leid, mir einen Schweinehund vorzustellen. Deswegen stelle ich mir lieber ein Eichhörnchentigerbabyraptor vor. Das macht mir gute Laune, hihi. Dieser Eichhörnchentigerbabyraptor ist total flauschig, hat Raptorhände und mag Bucheckern. Mnom. Nur leider ist er auch faul. Alles, was sich außerhalb seiner Komfortzone befindet, verbucht er initial netterweise direkt als „finde ich kacke, weil – is halt so.“ Wäre an sich halb so wild, wenn der Eichhörnchentigerbabyraptor nicht so auf Bucheckern stehen würde. Bucheckern liegen nun mal nicht überall verstreut rum. Manchmal muss man sie suchen, um sich damit den Wanst vollhauen zu können.

So stecken wir nun in einem Dilemma.

In reaktiven, destruktiven und passiven Mustern gefangen

„Kann ich nicht.“ – „Will ich nicht.“ – „Werde ich nicht.“ – Mache ich nicht.“ – „Keine Lust.“ – „Keine Zeit.“ – „Mache ich morgen.“ – „Machen andere doch auch nicht.“ – „Ist mir zu anstrengend.“

Hach ja, wer kennt sie nicht – all diese schönen Sätze, die uns davon abhalten, einfach mal loszulegen. Das klingt alles so schön rational, so als hätte sich jemand wirklich Gedanken gemacht, um dann im Anschluss nach gründlicher Abwägung einen dieser Sätze auszusprechen. Auf ganz krude Weise zurecht rationalisiert. So verheddern wir uns in unserer eigenen Prokrastination oder in schlichter Tatenlosigkeit, gegründet auf dem Glauben, uns fehle für etwas die nötige Kompetenz. So bekommt man als Eichhörnchentigerbabyraptor keine Bucheckern. Um Bucheckern zu bekommen, muss man Berge erklimmen, durch Ozeane schwimmen, gegen Bärentigeraffen in dunklen Wäldern kämpfen – und manchmal auch gegen sich selbst. Irgendwann auf diesem Weg entwickelt sich dann ein Mindset, das alles in unserem Leben umwirft. Wir haben uns selbst bewiesen, dass wir gegen unseren größten Gegner, uns selbst, gewinnen können. Unsere eigene Komfortzone regelmäßig zu verlassen, beginnt dann plötzlich Spaß zu machen. Wir verstehen, dass das Leben außerhalb dieser Zone erstaunliche viele Abenteuer bereit hält.

Am Ende lässt sich alles auf eine sehr einfache Tatsache reduzieren. Die gleichen Mauern, die Enttäuschung aus unserem Leben fernhalten, halten auch die Glückseligkeit fern. Wenn wir nie irgendetwas wagen, dann werden wir auch selten Enttäuschungen erleben. Klingt an sich erst einmal nett.  Das Problem ist nur, dass wir uns damit auch eine Menge Potenzial für inneres Wachstum selbst vorenthalten.

Das Leben findet außerhalb der Komfortzone statt

Sind wir doch mal ehrlich zu uns selbst. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann bereue ich keinen einzigen der Momente, in denen ich meinen Arsch aus meiner Komfortzone bewegt habe. Natürlich ging mir so manches Mal mein Arsch auf Grundeis, aber jedes verdammte Mal bin ich hinterher ein Stück gewachsen. Und lass dir eins gesagt sein: Ich war einer der größten Angsthasen überhaupt. Es gab keine noch so kleine Nichtigkeit, die ich in meinem Kopf nicht auf eine Millionen Arten hätte zerdenken können. Nur irgendwann war ich es Leid und habe mich entschieden, mir hin und wieder selbst in den Arsch zu treten.

  • Die hübsche Blondine fragen, ob sie mit dir einen Kaffee trinken gehen will? Arsch auf Grundeis.
  • Das erste Mal mit dem Fahrlehrer Autofahren? Schweißlevel 9000.
  • Zum Salsakurs gehen in dem Wissen, dass ich stolpern und mir beide Füße brechen könnte? Potzdonner, viel zu krass!

So ist es mit vielen Dingen. Der erste Schritt kann furchteinflößend sein, aber alles beginnt mit einem ersten Schritt. Wir können ihn nicht überspringen. Das Gute ist: Machen wir es regelmäßig, dann wird es immer einfacher, die Komfortzone zu verlassen. Wir können uns selbst beweisen, dass uns außerhalb der Komfortzone nichts Schlimmes zustößt – ganz im Gegenteil. Diese Angst vor dem ersten Schritt können wir auch bewusst für uns umdeuten. Nervosität und positive Aufgeregtheit haben sehr ähnliche Auswirkungen auf deinen Körper. Du beginnst zu schwitzen, dein Herz schlägt schneller, du bist fokussiert. Entscheidend ist nur, wie wir diese körperlichen Reaktionen bewerten. Unser Körper will uns nur mitteilen, dass es hier um eine Situation geht, die entscheidend sein könnte. Ob wir das als positiv oder negativ interpretieren, liegt in unserem eigenen Deutungsspielraum.

Easy choices, hard life. Hard choices, easy life. - Jerzy Gregorek

Manchmal ist es an der Zeit, zu ruhen. Manchmal ist es an der Zeit, einfach auf der Couch zu liegen und nichts zu tun. Manchmal ist es aber auch an der Zeit, seinen verdammten Arsch zu bewegen, die Chipstüte aus der Hand zu legen und sich von selbst ausgedachten Ausreden nicht mehr auf der Nase herumtanzen zu lassen. Wir entscheiden für uns selbst, welche Zeit gerade ist. Haben wir uns die Entspannung gerade verdient? Dann können wir sie auch ohne Probleme genießen. Fühlt es sich irgendwie nicht richtig an? Tja, dann stehen die Chancen gut, dass wir gerade eigentlich unseren Arsch bewegen sollten, statt Däumchen zu drehen.

Fragen wir uns einfach, ob wir heute in einem Jahr, wenn wir auf unser heutiges Ich zurückblicken, stolz auf das wären, was wir tun. Wenn die Antwort ja ist – prima, alles bestens für uns. Lautet die Antwort nein, dann wissen wir was zu tun ist. Zeit loszulegen.

 

Written by Waldemar