Du hast bereits alles, um glücklich zu sein

Captain, oh Captain, wo führst du uns nur hin? Dein Blick ist in weite Ferne gerichtet. Dort, ganz weit weg, siehst du es wie ein riesengroßes Monument. Aufgrund seiner Größe scheint es so verlockend nah und doch ist es so fern, wie es nur sein könnte. „Wenn ich es doch nur jetzt schon haben könnte…“ schießt es dir durch den Kopf. Du hast es aber nicht schon jetzt. Es ist außer Reichweite. Du stellst dir all die tollen Gefühle vor, die du haben wirst, wenn du es erreicht hast. Ein Tagtraum jagt den nächsten. „Wenn es doch nur jetzt schon näher wäre, dann würde ich mich einfach strecken und zack – hätte ich es in meinen Händen!“

Dieses Monument in der Ferne ist dein Ziel. Wir alle setzen uns an irgendeinem Punkt in unseren Leben Ziele. Der eine mag erfolgreicher als der andere im Erreichen seiner Ziele sein, eine Gemeinsamkeit teilen wir aber alle – wir setzen uns Ziele. Wir lieben es, uns vorzustellen, wie fantastisch das Gefühl sein wird, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Allzu gerne lassen wir uns zu diesen Tagträumereien hinreißen. Dabei malen wir uns die Glücksgefühle, die wir beim Erreichen des Ziels verspüren werden, kunterbunt aus – ein Glückshormoncocktail der Superlative.

Sooo glücklich werde ich mich fühlen, wenn ich es erst einmal dies und jenes erreicht habe

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich auf den Moment hingefiebert habe, an dem ich meine Bachelorarbeit fertiggestellt haben würde. Hach, wie ein freudig erregtes Braunbärschweinchen munter vor mich hinpfeifend würde ich durch Regenbögen hüpfen. Dieses Gefühl würde bis ans Ende aller Tage anhalten! Über Jahre hinweg hatte ich dieses Ziel vor Augen. Es rückte näher und näher, bald würde es so weit sein. Eines Tages war es dann so weit. Ich hielt es in meinen Händen, konnte es fühlen und sehen.

Dieses Gefühl blieb zu meinem Erstaunen allerdings aus. All diese tollen Glücksgefühle, die ich mir in meinem Glückshormoncocktail so bildlich vorgestellt hatte, fühlte ich im Moment meiner Zielerreichung überhaupt gar nicht. Natürlich war ich froh, dass ich es letztlich geschafft hatte. Letztendlich ging das Leben aber genau so weiter wie zuvor. Ich war davon ausgegangen, dass das Erreichen des Ziels eine entscheidende Zäsur in meinem Leben darstellen würde. Stattdessen war es das, was es war: ein erreichtes Ziel.

Der Impact Bias hat mich hinters Licht geführt

Ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der von solch einem Erlebnis erzählen kann. Das Phänomen, welches ich soeben beschrieben habe, wird als Impact Bias bezeichnet. Damit ist die allgemein menschliche Tendenz gemeint, die Effekte zukünftiger Ereignisse zu überschätzen. Mal ein paar Beispiele dafür.

  • „Wenn ich mein Abitur geschafft habe, dann bin ich wirklich glücklich.“
  • „Wenn ich meine Bachelorarbeit fertiggestellt habe, dann bin ich wirklich glücklich.“
  • „Wenn ich meine Beförderung bekomme, dann bin ich wirklich glücklich.“
  • „Wenn ich Millionär bin, dann bin ich wirklich glücklich.“
  • „Wenn ich meine Traumfrau gefunden habe, dann bin ich wirklich glücklich.“
  • „Wenn ich einen durchtrainierten Körper habe, dann bin ich wirklich glücklich.“

An sich ist es etwas Gutes, sich Ziele zu setzen. Dadurch können wir uns sicherer durch das Leben navigieren. Wir dümpeln nicht herum und können uns vor Augen führen, wenn wir mal von unserem Pfad abkommen. Problematisch wird es eher, wenn wir nur noch das Ziel vor Augen haben, den Weg dahin aber nicht mehr bewusst wahrnehmen. Das Leben ist kein Sprint, sondern ein langwieriger Lauf mit Höhen und Tiefen. Warum also nicht voller Freude die Landschaft auf dem Weg zum Ziel genießen, statt immer nur unseren Blick auf die Straße vor uns zu richten?

Glück ist keine Haltestation, an der man aussteigt. Glück ist die Art und Weise, wie man reist.

Ich glaube, dass viele von uns auf den Weg zu unseren Zielen vergessen, warum wir eigentlich tun, was wir tun. Im Prinzip wollen wir alle die gleiche Sache – wir wollen glücklich sein. Es geht nicht darum, dass wir total die tollen Hechte sind, sobald wir unser Ziel erreicht haben. Klar, wenn wir es erreicht haben, können wir allen unseren Freunden erzählen, was für ein Macker der besten Gütestufe wir sind.

Hinternisse zu überwinden formt unseren Charakter

Darum geht es aber nicht. Viel wichtiger ist, wer wir in dem Prozess des Zielerreichens werden. Wie entwickeln wir uns, während wir auf unserer „Reise“ sind? Welche Hürden müssen wir überwinden, um dorthin zu kommen, wo es uns hinzieht? Welche Ängste mussten wir überwinden, um erfolgreich zu sein?

Don’t wish it were easier. Wish you were better. - Jim Rohn

Aus diesem Grund ist es auch nicht zweckdienlich, sich über die Schwere des Weges zu beschweren. Wenn wir niemals Widerstände überwinden, niemals Ängsten zum Trotz, niemals Unsicherheiten zuwider handeln müssen, dann haben wir auch weniger Spielraum für unser persönliches Wachstum.

Der Zeitpunkt für Zufriedenheit ist jetzt

Wenn ich erst einmal dies, jenes, blablablablup. Das ist doch alles nur ganz verquerer Gehirnjoghurt. Irgendein Ereignis in der Zukunft lässt uns nicht auf wundersame Art glücklich werden. Was wir brauchen, um glücklich zu sein. haben wir schon jetzt. Viele von uns wissen das nur nicht zu schätzen. Stattdessen sehen wir nur das, was uns noch angeblich zum Glücklichsein fehlt. Aus der Perspektive kann das Leben ziemlich grau aussehen, das ist wahr. Öffnen wir doch einfach mal die Augen. Starten wir mit Dankbarkeit in den Tag. Wir haben schon alles, was wir brauchen. Ja, wir können uns Ziele setzen, aber bitte… bitte – lasst uns doch alle gemeinsam den Weg genießen, der zu diesem Ziel führt. Sooo…irgendwie gerade ein bisschen mental abgedriftet. Sei es, wie es sei, gehabt’s euch wohl. Was ich mit diesem Text im Kern aussagen wollte, ist das Folgende:

Genieße den Weg. Du gehst ihn nur einmal.

Der Weg ist das Ziel. Also, packen wir es an? 🙂

Written by Waldemar