Wenn wir die Masken fallen lassen

Vollständige Verletzbarkeit. Mir fallen wenige Dinge ein, die so guttun und mir dabei gleichzeitig so schwerfallen. In uns allen existiert dieser Wunsch, uns mit anderen Menschen zu verbinden. Wir wollen uns zugehörig fühlen. Wenn uns jemand genauso akzeptiert, wie wir sind, dann fühlen wir uns verstanden und aufgenommen. Um uns so zu akzeptieren, wir wir sind, muss uns derjenige allerdings erst einmal wirklich kennenlernen.

Genau hier zeigt sich die Kehrseite der Medaille. Dafür müssen wir nämlich unsere Masken fallen lassen. Wir müssen uns der Welt so zeigen, wie wir sind – mit all den verbundenen Risiken. Zeigen wir der Welt, wer sich hinter der Maske verbirgt, so machen wir uns angreifbar. Wenn uns dann jemand verurteilt, können wir nämlich nicht mehr sagen: „Tjo, der findet mich nicht so knorke, aber ist halb so wild. Er kennt mich ja gar nicht.“

Wer soll was erfahren und warum?

Vor einer Woche saß ich mit einer Bekannten in einer Kneipe. Wir unterhielten uns über Freundschaften. Von mir kam dann irgendwann die Aussage, dass ich zwar viele langjährige Freunde habe, ich aber nur einem ganz kleinen Teil davon zeige, wer ich wirklich bin. Das hat einen simplen Grund. Sie würden mich nicht verstehen, also kann ich es auch gleich bleiben lassen. So viel zu dem Grund, den ich dafür nannte. Die Freunde, denen ich nicht mein wahres Ich zeigen kann, betrachte ich nicht als richtige Freunde. Manche von ihnen würden vermutlich nicht mal mehr meine Freunde werden, wenn ich sie jetzt kennenlernte. So ganz konnte sie meine Aussage nicht nachvollziehen.

The most important kind of freedom is to be what you really are. You trade in your reality for a role. You trade in your sense for an act. You give up your ability to feel, and in exchange, put on a mask. – Jim Morrison

Dieses Gespräch ließ mich irgendwie nicht los. Ich dachte wieder und wieder darüber nach. Wie entscheiden wir eigentlich, wer was erfahren soll – und warum entscheiden wir so? Wenn wir jemandem unser wahres Gesicht zeigen, dann tun wir das, weil wir der Person vertrauen. Wir vertrauen darauf, dass sie uns akzeptiert. Gehen wir davon aus, dass sie unser wahres Ich nicht „ertragen“ könnte, dann zeigen wir unser wahres Ich auch nicht.

Wir können nicht erwarten, dass uns immer jeder zu jeder Zeit toll findet.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir eine Tatsache bewusst: Ich selbst bin ein ziemlicher Angsthase, wenn es um meine Maske geht. Ich habe mein Leben lang eine Maske getragen und sie nur in sehr seltenen Fälle abgelegt. Mein Leben war immer von einer gewissen Distanz gegenüber meinen Mitmenschen geprägt, die ich mir immer bewahrt habe. Diese Distanz führt aber früher oder später zur Vereinsamung. Wir können noch so viele Menschen um uns herum haben – wenn wir ihnen nicht unser wahres Ich zeigen können – fühlen wir uns trotzdem einsam. Was nützt es uns schon, für etwas gemacht zu werden, was wir nicht sind.

In der letzten Zeit bemühe ich mich mehr und mehr, so oft wie möglich meine Masken fallen zu lassen. Dabei ist mir eine Sache aufgefallen: Es hat bisher immer gutgetan und sich noch nie negativ ausgewirkt. All diese Befürchtungen, die wir in uns tragen – dass wir vielleicht nicht gemocht werden könnten für das, was uns ausmacht – sind zumeist nur Hirngespinste. Öffnen wir uns wirklich, dann schafft das einen viel größeren Grad der Verbundenheit zu unseren Mitmenschen. „Perfekte“ und „glatte“ Menschen inspirieren uns nicht wirklich. Es sind die Menschen, die zu ihren Ecken und Kanten stehen, welche wirklich interessant sind.

Bist du bereit für eine Welt, in der du dein wahres Gesicht zeigst?

 

Written by Waldemar