Scheiß doch auf die Meinung der anderen

An Sonntagen darf ich auf die Kacke hauen. Das wurde mir in zumindest in der Schule so beigebracht. Ok, war gelogen, aber es wäre sicherlich sinnvoller gewesen, als mir Shakespeare ins Gehirn zu pflastern. Deswegen quarke ich an diesem schönen Tag so daher, wie mir der Mund gewachsen ist. Das ist auch gut so. Heute könnte es  daher ein klein wenig vulgärer als sonst werden. Die seichten Gemüter mögen sich bitte an der Stelle zurückziehen. Alternativ könnt ihr euch auch in Sanftmut üben und mir meine fehlende Kinderstube verzeihen.

Also dann. Heute wollen wir uns ansehen, wie viel wert die Meinung der anderen Menschen eigentlich ist. Vorne weg gebe ich dir schon mal einen Hinweis: gar nicht mal so viel. Um es mit den Worten meines weisen Freundes Ugufad Afbeba El Avisi Rimbalabuddha auszudrücken: „Wenn mir einer sacht, dass ick wat nicht kann, dann setz ick mich einfach auf den drauf und mach et dann trotzdem. Probleme lösen… – dit kann ick.“

Ja ich weiß, diese Problemlösungsstrategie ist nicht unbedingt alltagstauglich, aber ich will Wege aufzeigen! Du siehst schon, heute bin ich ein Rebell, nicht mal vor einer grünen Ampel mache ich Halt. Wer will mich denn schon aufhalten, hä? Normalerweise halte ich mich mit persönlichen Erfahrungen und Geschichten zurück, heute allerdings nicht – heute werde ich zum Geschichtenerzähler.

Stellt euch also vor, ich sähe ungefähr so aus wie auf diesem Foto. Ich bin der Gunther. In meinem Bart trage ich die kumulierte Weisheit der Welt. Wenn ich rede, schweigst du. Wenn ich schweige, schweigt die Welt mit mir. Du siehst, ich bin äußerst weise. Aus diesem Grund solltest du meinen Worten gut lauschen, denn vielleicht verändern sie deine Welt – vielleicht sind sie aber auch nur so sinnvoll wie das Tragen von Socken in Sandalen. Je mehr ein Mann weiß, desto mehr erkennt er auch, wie wenig er weiß und wie oft er falsch liegt. Boom. Weisheit umsonst! 

In unserem Leben werden wir hin und wieder mit Situationen konfrontiert, in denen uns Leute etwas ausreden wollten. Niemandem davon möchte ich böswillige Beweggrunde unterstellen. Genau deswegen sind diese Geschichten auch so wichtig für mich. Ich glaube nicht daran, dass Menschen uns absichtlich Steine in den Weg legen. Stattdessen glaube ich fest daran, dass jeder zu jedem Moment seines Lebens versucht, nach seinem besten Wissen und Gewissen zu handeln. Ja, hin und wieder bleibt es beim Versuch. Das ist menschlich. Daher bringt mir Groll in der Hinsicht auch nichts. Lasst uns daher versuchen, aus jedem Stein, der uns in unserem Leben in den Weg gelegt wird, etwas Sinnvolles zu erschaffen.

Ich möchte Ihnen dringend davon abraten.

Als ich 16 war, lief es in meinem Leben drunter und drüber. Die Pubertät hinterlässt gerne mal Baustellen. Mädels werden interessanter, der Alkohol hält Einzug ins Leben, ein gewisser Drang zu rebellieren kommt zum Vorschein. Davon bin auch ich nicht verschont geblieben. Irgendwann wirkte sich das immer stärker negativ auf meine schulischen Leistungen aus. Ich war immer weit davon entfernt, ein vorbildlicher Schüler zu sein. In dieser Zeit jedoch nahm das ganze Züge an, die nicht mehr im Rahmen waren. Ich war kurz davor, sitzen zu bleiben. Gratulation, Prost Mahlzeit.

So weit, so gut. Nun gab es scheinbar einen Lehrer, der irgendetwas in mir gesehen hat, das ich selbst noch nicht zu sehen vermochte. Dieser Lehrer hatte recht viel Einfluss. Die genauen Hintergründe sind mir nicht wirklich bekannt, deswegen kürze ich das Ganze mal ab: Es wurde gemutmaßt, dass meine Leistungen aus Unterforderung eingebrochen sind. Daher wurde mir ans Herz gelegt, doch eine Klasse zu überspringen.

Rums. Erst war ich kurz davor, eine Klasse wiederholen zu müssen. Im nächsten Moment war genau das Gegenteil der Fall und ich sollte überspringen. Was in aller bärtigen Dreiheiligkeit ging hier vor sich? Was sollte ich davon halten? Ich war einfach nur hochgradig irritiert. Was für eine kernbehinderte Situation.

Nun waren allerdings ein Lehrer nicht der Meinung, ich sei überfordert. So kam es dann, dass eines Tages – ich war mir selbst noch nicht sicher, wie ich mit der Situation umgehen sollte – ein Lehrer auf mich zukam und die folgenden Worte sprach: „Ich habe gehört, sie möchten überspringen. Ich möchte ihnen dringend davon abraten. Ich glaube nicht, dass sie das Zeug dazu haben.“

Rums. Das ist genau das, was ein mit seinem Selbstbewusstsein hadernder 16-Jähriger schüchterner Junge hören möchte. Im Übrigen auch in höchstem Maße pädagogisch sinnvoll, jemandem so etwas vor den Latz zu knallen. Da hatte ich ihn also, meinen John Travolta Moment.

So stand ich da und ließ mir alles durch den Kopf gehen. Ich hatte keine Ahnung, welcher Weg der richtige war. Rausfinden konnte ich es nur, indem ich mich für einen der Wege entschied und ihn konsequent ging.

Das tat ich dann auch. Ich nahm den Weg des höheren Widerstandes, ich übersprang die Klasse. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Soll ich dir sagen, warum? Dieses Erlebnis hat mich gelehrt, dass es immer mehr als eine Meinung gibt. Es gibt immer den einen, der sagt, dass Nutella mit Butter zu viel des Guten ist. Gleichzeitig gibt es aber auch den anderen, der sagt, dass Nutella mit Butter der Wahnsinn ist.

Und scheiße, manchmal hast du eben das Gefühl, dass dir jemand vor die Karre tritt – so wie mein Lehrer, der mir sagte, ich hätte nicht das Zeug dazu. Aber was bringt es mir, ihm böse Absichten zu unterstellen? Was bringt es mir, im Detail darüber nachzudenken? Vielleicht wusste er gar nicht, was er in dem Moment sagte. Vielleicht hatte er an diesem Tag nur andere Dinge im Kopf und war nicht auf dem Höhepunkt seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit. Vielleicht – nein, wahrscheinlich(!) –  würde er sich nicht einmal an dieses Ereignis erinnern, wenn ich ihn darauf anspräche.

Du wirst nicht viel erreichen, wenn du immer auf die Zweifel der Menschen hörst.

Wenn dir jemand seine Meinung mitteilen möchte, dann höre ihm zu. Lehne nicht alles kategorisch ab. Sei dir aber auch der Tatsache gewahr, dass Menschen fehlbar sind. Manchmal sprechen Menschen zwar scheinbar mit dir, benutzen dich tatsächlich aber nur als Spiegel – auf einer Metaebene reden sie mit sich selbst. Was sie dir mitteilen, muss mitunter nicht einmal etwas mit dir zu tun haben. Hin und wieder sind wir in Ermangelung gerade verfügbarer Optionen auch einfach das einzige Medium, dem sie sich mitteilen können. Ich habe mir angewöhnt, mir immer diese fünf Fragen zu stellen, wenn jemand versucht, mir meine Vorhaben auszureden oder mir negative Gedanken einzureden:

  • Hat er/sie selber Ahnung von dem Bereich, um den es hier geht?
  • Projiziert er/sie hier gerade eigene Ängste/Sorgen/Erlebnisse auf mich?
  • Führt er/sie die Art von Leben, die ich selbst für mich als erstrebenswert erachte?
  • Was würde ich jemandem raten, der das gleiche Vorhaben hat wie ich?
  • Was würde ich tun, wenn ich keine Angst vor dem Scheitern hätte?

Diese Fragen helfen mir dabei, für mich selbst eine Entscheidung zu treffen, mit der ich gut leben kann. Ob es die beste Entscheidung ist, kann ich im Vorhinein ohnehin nicht wissen.

Das schaffst du doch niemals.

Drei Jahre später stand ich vor einer neuen Herausforderung. Das Abitur stand vor der Tür. An sich ist das eine entspannte Sache, wenn mit ihm nicht eine ganz entscheidende Frage einherginge: „Was mache ich danach?“ Wir leben in einer Zeit, in der uns tausende von Optionen zur Verfügung stehen. Leider sind wir Menschen so gestrickt, dass wir uns von zu vielen zur Verfügung stehenden Optionen lähmen lassen. So erging es auch mir.

Ich durchstöberte das Internet und alle möglichen Broschüren nach der zündenden Idee. Eine lange Zeit lang blieb diese erhoffte Idee aus, der Frust wuchs zunehmend. Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, dann wäre ich Lehrer geworden. Die Idee schien mir sogar ganz angenehm, aber so wirklich überzeugen konnte sie mich nicht. Irgendwann erzählte mir dann ein Freund, er wolle Wirtschaftsinformatik studieren. Klang irgendwie spannend. Also informierte ich mich darüber und fasste letztlich den Entschluss, dass ich es auch studieren möchte.

Nun sind wir ja keine isolierten Wesen, sondern sprechen auch miteinander. So kam es dann, dass ich irgendwann in einer Gesprächsrunde mit ein paar Mitschülern saß. Wir unterhielten uns angeregt über den bevorstehenden Abiturausflug. Nach und nach schwappte das dann über in ein Gespräch über unsere Zukunftspläne. Ein Mitschüler fragte mich, was ich jetzt nach dem Abitur machen wolle. Wirtschaftsinformatik studieren. „Was? Du? Du bist doch voll scheiße in Mathe und der Studiengang richtig hart. Das schaffst du doch niemals!“

Rums. Das hört das Herz doch gerne. Da schlägt man sich als Jugendlicher wochenlang mit existenziellen Fragen herum und entscheidet sich endlich für einen Weg, nur um dann so eine Breitseite reingedrückt zu bekommen. Teenager können totale Ottos sein. Wenn hier ein Otto mitliest – nichts für ungut! Mit meinem Namen sollte ich ohnehin keine Steine werfen. Jedenfalls hat mich dieser Mitschüler sehr ins Wanken gebracht. Zweifel bauten sich in mir auf. Irgendwo hatte er auch Recht, meine Matheleistungen waren in den letzten Jahren unterdurchschnittlich. Mit dem Wissen, dass mein Mitschüler über mich hatte, war diese Aussage gar nicht abwegig.

Keiner hat bis jetzt sein Augenlicht geschädigt, weil er auf die positive Seite des Lebens geblickt hat.

Dann erinnerte ich mich an die Geschichte mit dem Lehrer, der mir drei Jahre zuvor gesagt hätte, dass ich nicht das Zeug dazu hätte, zu überspringen. Damals hatte ich mir selbst beweisen können, dass ich sehr wohl das Zeug dazu hatte. Genau das gleiche wollte ich auch dieses Mal tun. Mir war bewusst, dass ich mich zusammenreißen musste. Mit der Arbeitseinstellung, die ich zu Schulzeiten hatte, würde ich im Leben sonst noch häufiger Probleme bekommen. Kürzen wir das Ganze mal ab. Das Studium habe ich durchgezogen. Es ging erstaunlich leicht von der Hand.

Was habe ich daraus gelernt? Input von anderen Menschen ist gut und wichtig. Diese Zweifel, die mein Mitschüler geäußert hat, haben mich darauf hingewiesen, dass ich meine Arbeitseinstellung überdenken sollte. Sie haben mir auch meinen Status Quo bewusst gemacht. Ohne diese Zweifel wäre ich vielleicht nicht so fokussiert in das erste Semester des Studiums gestartet. Diese geäußerten Zweifel waren genau das, was ich zu dieser Zeit brauchte. Ich habe gelernt, dass jede Aussage auch eine wertvolle Information für mich bereithalten kann, so ich sie denn sehen möchte.

Ja genau, träum weiter.

Mit 21 hatte ich die Idee, meinen ersten Marathon zu laufen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht einmal einen Halbmarathon gelaufen, aber ich dachte mir: Wenn ich das schon mache, dann richtig. Natürlich waren meine Freunde etwas skeptisch, als ich ihnen von diesem Entschluss erzählte. „Wie willst du das denn schaffen? Träum weiter, du bist ja noch nicht einmal einen Halbmarathon gelaufen.“

Was wäre aus mir geworden, wenn ich nicht immer genötigt gewesen wäre, Respekt vor anderen zu haben. – Johann Wolfgang von Goethe

Ich habe in dem Alter aber schon begriffen, dass diese Zweifel immer kommen werden. Wenn niemand jemals deine Handlungen anzweifelt, dann wagst du auch nichts. Deswegen habe ich gelernt, das als gegeben zu akzeptieren. Du kannst nicht jeden Menschen auf dieser Welt verändern. Dafür kannst du dich selbst ändern. Sieh dich als ein Fenster, durch das du die Welt betrachtest. Wenn du dich selbst sauber und rein hältst, wirst du auch eher Menschen in dein Leben ziehen, die an dich glauben und zu dir stehen. Wahre Freunde sind sehr kostbar im Leben. Die Afrikaner sagen nicht umsonst, dass man einen wahren Freund auf beiden Händen tragen sollte.

Den Marathon bin ich im Übrigen gelaufen. Ja, ich bin 820 Tode währenddessen gestorben. Das Gefühl danach war aber der Wahnsinn und die Mühe wert.

Der Esel, der Vater und der Sohn

Abschließend möchte ich noch diese Geschichte mit euch teilen. Sie stammt aus dem Buch „Der Kaufmann und der Papagei“ von Nossrat Peseschkian. Es geht darum, dass wir es nicht jedem recht machen können.

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagshitze durch die staubigen Gassen. Der Sohn führte und der Vater saß auf dem Esel.

„Der arme kleine Junge“, sagte ein vorbeigehender Mann. „Seine kurzen Beine versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man nur so faul auf dem Esel sitzen, wenn man sieht, dass das Kind sich müde läuft?”

 

Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen.

Es dauerte nicht lange, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit! Sitzt doch der kleine Bengel wie ein König auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies tat nun dem Jungen leid und er bat seinen Vater, sich mit ihm auf den Esel zu setzen.

„Ja, gibt es sowas?“, sagte eine alte Frau. „So eine Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch und der junge und der alte Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus. Der arme Esel!“

Vater und Sohn sahen sich an, stiegen beide vom Esel herunter und gingen neben dem Esel her. Dann begegnete ihnen ein Mann, der sich über sie lustig machte: „Wie kann man bloß so dumm sein? Wofür hat man einen Esel, wenn er einen nicht tragen kann?“

Der Vater gab dem Esel zu trinken und legte dann die Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Egal, was wir machen“, sagte er, „es gibt immer jemanden, der damit nicht einverstanden ist. Ab jetzt tun wir das, was wir selber für richtig halten!“ Der Sohn nickte zustimmend.

Ich lasse mir sicher von niemandem mehr einreden, dass ich etwas nicht könnte.

Wie sieht es bei dir aus?

Written by Waldemar