Wie dich deine eigenen Ansprüche lähmen

Der unsichtbare Zwang, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Er kann sehr zermürbend sein. An manchen Tagen frage ich mich, ob das Problem die Ansprüche sind oder ob das Problem meine Handhabung der Ansprüche ist. Tatsache ist jedenfalls, dass diese Anspruchshaltung lähmen kann. Statt einfach anzufangen und zu sehen, was als Ergebnis herauskommt, lähmen wir uns selbst.

Wir wollen, dass das Ergebnis gut ist. Die Konsequenz ist leider allzu oft, dass das Ergebnis alleine wegen dieser Geisteshaltung dann unter unseren Möglichkeiten bleibt.Frei von innerer Erwartungshaltung an unsere Leistung können wir die besten Ergebnisse erzielen, weil wir unser eigenes Tun nicht hinterfragen. Wir fangen einfach an zu machen und kommen auf diesem Wege in einen Zustand, der uns nicht über alles nachdenken lässt. Intuitiv wählen wir die richtigen Entscheidungen. Natürlich können auch hierbei Fehler auftreten. Aber gemessen an der Qualität, sind die Fehler bei diesem Vorgehen zweitrangig.

Entledige dich deiner Filter

Die Kunst ist, sich seiner eigenen Filter zu entledigen, durch die man etwas sieht. Wenn ich mich bei jedem Schritt frage, ob die Leute dieses und jenes gut finden würde und auf diese Art alles anzweifle, was ich tue, dann ebne ich mir selbst den Weg zum Scheitern. Was spricht dagegen, es einfach zu tun? Ich spare so viel Zeit, wenn ich nicht alles fünf Mal hinterfrage. Auf diesem Wege kommen die besten Ideen zu Stande.

Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis, vielleicht ist keines da. - Franz Kafka

Das habe ich auch irgendwann erfahren, als ich anfing zu schreiben. Am Anfang war es verdammt anstrengend für mich, weil ich jedes meiner Worte auf die Goldwaage legte. Ich habe immer versucht, schon in der Erstfassung die treffenden Formulierungen zu wählen. Irgendwann merkte ich aber, dass damit die Qualität zwar gegeben war, aber es etwas an Ideenreichtum mangelte. Ich blockierte meinen inneren Schreibfluss, weil ich zu viel Zeit damit verbrachte, in meinem Hirn nach schönen Worten und treffenden Beispielen zu suchen. Als ich das bemerkte, habe ich eine andere Vorgehensweise gewählt. Die ersten Fassungen meiner Texte schreibe ich einfach so. Ich schreibe munter drauf los ohne Erwartungshaltung. Oft finde sich auch Sätze in meinen ersten Fassungen der Texte wie „Keine Ahnung, worüber ich schreiben soll“. Ich schreibe diese Sätze mit auf, weil sie mir dabei helfen, meine Gedanken zu Papier zu bringen und meinen inneren Fluss nicht zu stören. In dem Moment, wo ich das, was tatsächlich in meinen Gedanken vorgeht, zu Papier bringe, mache ich meinen Kopf frei. Wenn ich schreibe, dass ich keine Ahnung habe, was ich schreiben soll, dann verfliegt dieser Gedanke und es wird Platz gemacht für andere Gedanken, bei denen dann irgendwann einer einfindet, mit dem sich besser arbeiten lässt.

Fang erst einmal an und sorge hinterher für den Feinschliff

So. Auf diese Art und Weise kommen meine ersten „Rohfassungen“ zu Stande. Diese schreibe ich am liebsten nach dem Meditieren, weil ich damit die besten Erfahrungen gemacht habe. Den Text lasse ich dann für gewöhnlich eine ganze Zeit lang liegen.

Nach ein paar Wochen/Monaten schaue ich mir den Text dann noch mal ein und editiere ihn so, dass er für Außenstehende nachvollziehbar ist. Überflüssige Textpassagen entferne ich. Meine abartigen Schöpfungen an Bandwurmsätzen zerlege ich wie ein Metzger. Ich liebe Bandwurmsätze. Die sind nur leider nicht sehr leserfreundlich. Manchmal fallen mir dann noch neue Ideen ein, die ich im Text ergänze. Durch den zeitlichen Abstand zwischen Schreiben und Korrigieren habe ich dann auch einen guten Kontrollmechanismus, um die Qualität meines Textes beurteilen zu können. Es ist ein bisschen so, als würde ich den Text eines Fremden lesen. Mir ist bewusst, dass ich kein Hemingway bin. Ich bin besser! Nein. Meine Texte sind qualitativ vielleicht noch nicht an dem Punkt, dass ich mir anmaßen würde, anderen Menschen beibringen zu können, wie man gute Texte schreibt. Das ist nicht mein Ziel. Zumindest weiß ich, wie ich meine eigenen Ansprüche überwinden kann. Deswegen ist dieser Text hier entstanden.

Taten aufzuschieben bedeutet nur, Erfolge aufzuschieben. - Rick Pitino

Und ja – mir ist durchaus bewusst, dass es schwierig ist, einfach loszuschreiben. Als Übung hat mir geholfen, Tagebuch zu führen. Es war für mich in den ersten Momenten schwierig, meine Gedanken zusammenzufassen und niederzuschreiben. Schritt für Schritt gewöhnst du dich aber daran. Du weißt, dass es ohnehin nur für dich selbst ist und kannst deinen Text ohne große Erwartungshaltung schreiben. Du sortierst dich selbst. Die schriftliche Form ist völlig zweitrangig. Rechtschreib- und Grammatikfehler sind scheißegal. Die Hauptsache ist, dass du deine Gedanken verschriftlichst. Es geht darum, Ordnung in das Chaos in deinem Kopf zu bringen. So entsteht Kreativität, so entstehen die besten Ideen.

Ein freier Geist ist ein kreativer Geist. Ein zugemüllter Geist kann auch etwas zu Stande bringen, aber er hat es ungleich schwerer. Er muss sich erst durch all den Müll wühlen, ehe er endlich loslegen kann. Hilf ihm doch dabei.

Written by Waldemar