Du als Spiegel für die Menschen

Vor ein paar Monaten tummelte ich mich auf einer Hausparty eines Freundes, der studiert. Wie das auf Studentenpartys nun mal so ist, gab es reichlich von allem, was das Herz begehrt: Bier, Schinken im Überfluss und Baguette, ein Planschbecken zum Abstellen der kunterbunten Mischung an alkoholischen Getränken (Berliner Luft und der gute Kalis durfte selbstredend auch nicht fehlen!), ein provisorisch aufgebautes DJ-Pult für DJ Windows Media Player mit butterweichen Übergängen zwischen den Liedern, und – wie könnte es anders sein – zu späterer Stunde auch eine feine Auswahl hübscher Damen.

Wie es der Lauf einer solchen Party verlangt, fand ich mich irgendwann in einer Runde mit einem jungen Burschen namens neidender Norbert und einem hübschen Fräulein mit dem Namen intelligente Ingrid wieder. Während ich eher damit beschäftigt war, mir mehr Schinken und Knoblauchbaguette in mich reinzupressen als mit aller Gewalt reinpasst und damit effektiv jede Chance auf ein anregendes Gespräch mit den Damen in dieser Nacht präventiv im Keim ersticken konnte, lauschte ich dem neidenden Norbert und der intelligenten Ingrid bei ihrem Gespräch. Der Bursche hatte ganz offensichtlich Interesse an dem Fräulein und so begann der Balztanz.

Ein paar Meter entfernt stand der erfolgreiche Egon. Egon ist ein sehr ambitionierter Student und Sportler, der neben dem Studium an seinem ersten eigenen Business feilt. An diesem Abend trank der erfolgreiche Egon keinen Alkohol, weil er seinen gesamten Fokus auf sein eigenes Business richten wollte. Als sich der neidende Norbert gerade sein nächstes Bier holt und dabei sieht, dass er der erfolgreiche Egon nur Wasser trinkt, nimmt er das als willkommenen Gesprächseinstieg. Es entsteht in etwa folgendes Gespräch:

„Warum trinkst du nur Wasser – musst du heute fahren?“
„Nein, ich möchte heute einfach nicht trinken.“
„Ach komm, nimm dir ein Bier, man lebt nur einmal!“
„Nein, danke.“
„Also ich kann ja nichts mit Leuten anfangen, die nicht auch mal Spaß haben und abschalten können.“

Und mit diesen Worten verließ der neidende Norbert das Gespräch. Die intelligente Ingrid hatte das Gespräch mitbekommen. Wie es der Zufall so wollte, kannte sie den erfolgreichen Egon und wusste von seinen Ambitionen und seinem Business. Sie stellte dem neidenden Norbert ziemlich schnell klar, dass sie das Gespräch gerade mitbekommen hatte und kein Interesse daran hat, sich weiter mit ihm zu unterhalten. Und so endete der Balztanz.

Wenn Leute ihren Frust auf dich projizieren, dann ist das etwas Gutes

Je mehr du der Regression zum Mittelwert strotzt, je mehr du dich von der indifferenten Masse des laissez-fairen Durchschnitts wegbewegst, desto stärker wirst du polarisieren. Du wirst Menschen in dein Leben ziehen, die dich verabscheuen, weil du als Spiegel fungierst. Sie mögen dich beleidigen, verstehen aber nicht, dass sie eigentlich nicht dich ansprechen. Du bist nur der Spiegel. In Wahrheit reden sie mit sich selbst, während du einen gefrusteten Schwall heißer Luft von ihnen vernimmst. Als der neidende Norbert dem erfolgreichen Egon seine Meinung vor den Latz knallte, war das ein Hilferuf. Der neidende Robert sprach mit sich selbst. Sein tief empfundener Frust manifestierte sich in einer feindseligen Haltung Egon gegenüber. Der neidende Norbert hat nämlich selbst keinen Spaß, wenn er keinen Alkohol trinkt. Norbert ist derjenige, der ohne Alkohol keinen Spaß hat. Tatsächlich war Egon derjenige, der mehr Spaß an diesem Abend hatte, und das, obwohl er keinen Alkohol getrunken hat.

Was lernen wir daraus? Sei keine Knackwurst, sei nicht Norbert.

Written by Waldemar