Freund oder Feind – Eigenarten des Perfektionismus

Dieser innere Wahn, immer eine rundum perfekte Leistung abliefern zu müssen. Meiner Meinung nach gibt es hier zwei grundlegende Formen, die unterschieden werden sollten: der nach innen gerichtete Perfektionismus und der nach außen gerichtete Perfektionismus. Der nach innen gerichtete Perfektionismus ist der Perfektionismus, den wir für uns selbst haben möchten.

Wir sind bestrebt, eine herausragende Leistung zu erbringen, weil das unser Anspruch an uns selbst ist. Uns ist bewusst, dass wir zu großartiger Leistung fähig sind und deswegen setzen wir an uns selbst eine entsprechende Erwartung. Wir wollen eine geile Leistung abliefern, um hinterher sagen zu können: „Geil, es war vielleicht zeitweise schwierig, aber ich habe hier was richtig Geniales abgeliefert.“ Dabei ist uns auch mehr oder weniger egal, was für ein Feedback letztendlich zurückkommt. Wenn wir selbst überzeugt sind, unser Bestes gegeben zu haben und dadurch unsere Erwartungshaltung erfüllt haben, dann war es das für uns.

Kommt jetzt jemand an und ballert uns um die Ohren, dass er unsere geleistete Arbeit scheiße findet, dann trifft uns das vielleicht, es ändert aber nichts an unserer Meinung von uns selbst. Das ist meiner Meinung nach bis zu einem gewissen Rahmen ein guter Perfektionismus. Wir stellen an uns selbst realistische – das ist ein wichtiger Punkt – Ansprüche, um eine hochqualitative Arbeit abzuliefern. Unsere abgelieferte Arbeit ist dabei ein nach außen getragenes Spiegelbild dessen, was wir tief in uns drin als wichtig erachten.

Der nach außen gerichtete Perfektionismus ist der Perfektionismus, der nicht unsere eigenen Ansprüche berücksichtigt, sondern insbesondere Ansprüche von außen. Wir sind nicht bestrebt, unserer selbst willen etwas Großartiges zu vollbringen, sondern wir tun dies, um andere Menschen zu beeindrucken. Unsere Motivation entstammt dem Bedürfnis, Bewunderung von anderen zu erfahren. Wir stellen große – teilweise für uns unmöglich zu erreichende – Ansprüche an unsere Leistung, um anderen Menschen zu beweisen, was für ein genialer Tüpp wir sind. Dieser Perfektionismus ist der Perfektionismus, den die meisten Menschen haben, die von sich behaupten, sie seien perfektionistisch. Dieser Perfektionismus ist genau der Perfektionismus, der uns lähmt, wenn wir etwas in Angriff nehmen wollen.

All die Träume, die niemals gelebt wurden…

Aus Nathaniel Branden „Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls“:

„Zeit seines Lebens hatte Jack den Traum, Schriftsteller zu werden. Er sah sich vor der Schreibmaschine sitzen, er sah sich, wie er Kapitel für Kapitel schrieb, und er sah sein Bild als Titelfoto der Time. Er hatte jedoch nur vage Vorstellungen, worüber er schrieben wollte. Er hätte nicht sagen können, was er vermitteln und ausdrücken wollte. Das beeinträchtigte jedoch in keiner Weise seine angenehmen Träumereien. Er machte sich nie Gedanken darüber, wie er es lernen könnte zu schreiben. Kurz: Er schrieb nicht. Er träumte nur vom Schreiben. So driftete er von einem schlechtbezahlten Job zum nächsten und sagte sich immer wieder, er wolle nicht angebunden sein oder sich ablenken lassen, sein „wahrer“ Beruf sei schließlich das Schreiben. Die Jahre vergingen, und das Leben erschien ihm zunehmend leerer. Und seine Angst, mit dem Schreiben anzufangen, wurde zunehmend stärker. Denn: Jetzt, mit Vierzig, hätte er längst angefangen haben sollen. „Eines Tages“, sagte er sich, „wenn ich soweit bin…“. Wenn er sich die Leute um sich herum so ansah, dann fand er, dass sie im Vergleich zu ihm ein ausgesprochen gesetztes bürgerliches Leben führten. „Sie haben keine großen Visionen“, dachte er, „keine großen Träume. Das reicht mir nicht, ich strebe nach wesentlich mehr.“

Dieser Perfektionismus ist der Perfektionismus, der den genannten Menschen dazu bringt, seinen Traum nicht in Angriff zu nehmen, weil er zu sehr von der Meinung anderer Menschen abhängt. Er will nicht seiner selbst willen eine fantastische Leistung erbringen. Er will eine fantastische Leistung erbringen, damit andere sagen, was für eine fantastische Leistung er erbracht hat. Er will eine fantastische Leistung erbringen, damit andere sagen, was für ein toller Tüpp er ist, anstatt sich selbst zu sagen, dass er ein toller Tüpp ist.

Kehre den Blick von außen nach innen und du wirst tatsächlich sehen

Dadurch, dass er Ansprüche an sich stellt, die zum Ziel haben, dass andere ihn super finden, anstatt sich Ansprüche zu stellen, damit er sich selbst beim Erreichen dieser super findet, blockiert er sich selbst. Er wird niemals anfangen, weil er so sehr Angst davor hat, vor den anderen Leuten doch nicht der supertolle Tüpp zu sein. Wäre er stattdessen bestrebt, vor allen Dingen sich selbst zu überzeugen und etwas Geiles zu erschaffen, dann hätte er bereits begonnen. Und ja, viele von uns erliegen einmal dem nach außen gerichteten Perfektionismus. Es ist an sich nichts Verwerfliches. Wir landen nicht direkt in der Hölle, wenn wir uns wünschen, dass andere uns für supertolle Tüppen halten. Uns dieser Tatsache aber bewusst zu sein und selbst unsere Motivationen hin und wieder zu hinterfragen, gibt uns die Möglichkeit, uns selbst besser kennenzulernen und Prozesse in Gang zu setzen, um diese Motivation eher von innen statt von außen kommen zu lassen – um unseren Perfektionismus von außen nach innen zu richten.

Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für all die Dinge, die du immer wolltest. Tu sie jetzt. - Paulo Coelho

Wenn du das nächste Mal der Meinung bist, du seist zu perfektionistisch, dann frag dich selbst, was die tatsächliche Motivation deines Perfektionismus ist. Ist der Perfektionismus nach außen gerichtet, dann halt einmal kurz inne. Denk daran, dass es okay ist, Fehler zu machen. Fehler sind ein Teil des Lernprozesses. Damit loten wir aus, was für uns funktioniert und was nicht. Erfolgreiche Menschen machen mehr Fehler in ihrem Leben als erfolgslose Menschen. Fang an zu leben. Fang an zu tun, was du tun wolltest. Jetzt.

Written by Waldemar