Warum trinkst du nicht?

Eine verkehrte Welt. Es ist schon witzig. Du kommst auf eine Party. Eines der ersten Dinge die dir hier passieren, ist, dass du nach einem Bier gefragt wird. Der normale höfliche Partyumgang miteinander schreibt vor, dass du ein alkoholisches Getränk annimmst, um dich gemeinsam mit den anderen Partygästen zu „vergnügen“.

Lehnst du ab, wirst du kritisch beäugt. Wenn du kein plausibles, absolut bombenfestes Alibi parat hast, warum du heute kein alkoholisches Getränk verzehren wirst, dann kannst du dich schon einmal darauf gefasst machen, dich die nächsten fünf Minuten in eine Rechtfertigungsschleife zu begeben. Fantastisch, genauso stelle ich mir den perfekten Partyabend vor. Ja natürlich, das war jetzt stark überspitzt dargestellt.

Je nach Freundeskreis mag es auch mitunter sein, dass du eher kritisch beäugt wirst, wenn du zum alkoholischen Getränk greifst, statt dir einen Smoothie von deiner Veggie-Öko-Lesben-Weltverbesserer-Gastgeberin geben zu lassen, die in ihrer Freizeit aussterbende Rassen rettet und schon mit 16 ihre Doktorarbeit geschrieben hat.

Was ich damit verdeutlichen wollte: wir leben in einer echt seltsamen Gesellschaft. Der Alkohol hat es irgendwie geschafft, im Laufe der Jahrtausende Einzug in unsere Gesellschaft zu halten und als unersätzliches Partyaddendum eine Position von Sonderstatus erhalten. Eine Party ohne Alkohol ist für den normalen Menschen wie Socken in Sandalen – ziemlich beschissen und sinnlos. Aber warum ist das so?

Alkohol, steh mir bei!

Die katalysierende und euphorisierende Wirkung von Alkohol ist den meisten bekannt. Selbst, wenn ich gerade erschöpft bin oder meine Laune nicht zum Feiern einlädt, dann kann ich das mit einer Auswahl der richtigen Drinks zügig beheben (Wodka-Energy, oh du Heiliger!). Dabei ist es gesellschaftlich total akzeptiert, seiner Laune mit Alkohol ein bisschen Feuer unter’m Hintern zu machen. Ohne Alkohol bzw. andere Drogen würde man in diesen Momenten einfach die Fliege machen oder den beschissenen Abend über sich ergehen lassen.

Es ist für uns tatsächlich selbstverständlich, dass wir ohne Alkohol keinen Spaß auf Partys haben können. Da werden Menschen, welche bewusst die Entscheidung getroffen haben, an diesem Abend nicht zu trinken, mit übereifrigem Mitleid überschüttet. „Wie, du trinkst nicht? Dann viel Spaß!“ Und ich selbst habe schon mehr als genug selbst mit solchen Phrasen gedroschen, da kann ich mich leider nicht mal von ausnehmen. Mittlerweile frage ich mich dann nur noch, was das eigentlich über uns aussagt.

Wir gehen davon aus, dass jemand auf einer Party keinen Spaß haben kann, wenn er nicht trinkt. Eine Party ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen zusammentreffen und irgendetwas feiern oder einfach nur zusammenkommen wollen. Wenn abstinente Menschen dort keinen Spaß haben können, dann hieße das doch nur, dass sie die Menschen auf der Party nicht gut leiden können oder ihr Leben ihnen generell so wenig Spaß schenkt, dass sie ihre Zuflucht im Alkohol suchen.

Jetzt einmal locker durch die Hüfte atmen. Ich will hier gar nicht den Alkoholteufel an die Wand malen. Die Dosis macht auch in diesem Fall das Gift. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, mal zum Alkohol zu greifen, um den Erlebnissen noch das gewisse Etwas zu verleihen. Auf lange Sicht und als dauerhafte Gewohnheit ist es aber gefährlich.

Was du dir hier nimmst, wird an anderer Stelle fehlen

Wenn du Alkohol oder Drogen zu dir nimmst, dann ist das, als würdest du die Gefühle-Waage missbrauchen. Stell dir eine Waage vor, auf der all deine Gefühle platziert sind.

Auf der linken Seite hast du deine kurzfristigen Gefühle, auf der rechten Seite hast du deine langfristigen Gefühle. Normalerweise ist diese Waage im Gleichgewicht, sodass wir uns immer relativ ausgewogen fühlen. Nehmen wir jetzt ein paar positive Gefühle von der rechten Seite der langfristigen Gefühle und packen sie auf die linke Seite, dann können wir an einem Abend richtig viel Spaß haben. Wir sind im Rausch und uns geht es phänomenal.

Der nächste Tag bringt aber das bittere Erwachen. Nicht nur, dass wir bei den langfristigen Gefühlen mehr negative zur Verfügung haben, nein – wir haben auch noch bei den kurzfristigen Gefühlen unsere positiven Gefühle verbraucht. Scheiße aber auch! Tjo. Was ich damit eigentlich nur sagen wollte: Vielleicht möchtest du auf der nächsten Party ja zwei Mal darüber nachdenken, jemanden zum Trinken zu animieren. Vielleicht unterstützt du ihn stattdessen bei seinem Vorhaben, nicht zu trinken. Vielleicht aber auch Bockwurstwasser, ich weiß es nicht.

 

Written by Waldemar